Irgendwas mit issen

Das Gewissen will vom Wissen wissen:
„Muss ich die weiße Fahne hissen?“
Geht es ihm doch so beschissen
alle Chancen sind verschlissen
hat die Klappe aufgerissen
ein Stück vom Leben abgebissen
kann sich aber nicht verpissen
denn würde es schon sehr vermissen
und weinen … in sein Kissen.

Meterdicke Morgenluft

Meterdick kriechende Morgenluft
schiebt den neuen Tag herauf
und klebrig blendend die Sonne ins Zimmer,
wo ich schon auf sie warte.

Kleine Blätter machen große Schatten,
um mit meinem allein das Licht zu vertreiben,
das – obschon hell – still ist.

Vom Tango berührt zum Whiskey verführt
stahl sich der alte Tag davon,
kichernd in das lautrauschende Dunkel.

Die Nacht ist Verrat am Tag
und der Tag ist ein Verräter,
von früher Stunde ins Licht gezerrt.
Nur für mich.

tiefsüß

tiefe Gnade süßer Tod
fühlte ich mich einst bedroht
scheint er heute wundervoll

komme lautlos angeflogen
letzter Schrecken sei betrogen
nächtens bestenfalls

von alltäglicher Mühsal befreit
kühl und dunkel alle Zeit
friedlich und still

all das Streben ist nur Hohn
wo bliebe denn der ganze Lohn
im Angesicht der Zeit

keine Angst mehr vor dem Sein
vor dem hellen falschen Schein
wahre Dunkelheit und dunkle Wahrheit

der Schmerz für immer sei versiegt
weil es einfach nichts mehr gibt
vom Weltenirrsinnn abgeschnitten

die alte Dame lächelt noch
– tiefsüß –
lohnt der nächste Tag sich doch?

 

Schmetterlinge

Ein perfekter Sommertag. Luise lief über die Wiese, die mit Blumen übersät war. Ihr luftiges, knallrotes Kindersommerkleid, in dem sie sich sonst so gern vor dem Spiegel drehte und das so schön zu ihren Haaren passte, hüpfte bei jedem Schritt auf und ab, als wolle es tanzen. Die Sonne stand hoch, nur ein paar Schäfchenwolken hier und dort ließen ihre luftigen Schatten über den Boden huschen. Die Luft war warm und ließ sich zu einer angenehmen Brise hinreißen. Ihr kleiner Mischlingshund Felix im schwarz-weißen Fell sprang kläffend vor ihr auf und ab und umrundete sie dauernd, als wolle auch er zum Tanzreigen auffordern.

Luises Blick wanderte suchend zwischen den Blüten hin und her. Gelegentlich blieb sie stehen und sah einzelne Blüten prüfend an, befühlte sie. Meist ging sie kopfschüttelnd weiter. Nur selten hielt eine Blume der Prüfung stand. Unter all der Pracht waren dies nicht die schönsten, wenn auch immer noch wundervoll. Es umgab sie etwas geheimnisvolles, irgend etwas an ihnen war so anders. Ihre Blüten waren rot oder gelb und geschlossen, sie schienen etwas zu verbergen oder zu schützen, Stiel und Blätter waren ungewöhlich fest. Gelegentlich richtete sie sich auf und hob den Blick zum Waldrand. Die Bäume wiegten sich einladend im leichten Wind. Alles schien heute tanzen zu wollen. Sie kniff die Augen leicht zusammen, als würde sie nach etwas Ausschau halten, bevor ihre Aufmerksamkeit wieder den Blüten galt, bei deren Suche sie dem Wald langsam näher kam.

Luise hatte etwa ein Dutzend Blumen zu einem leuchtenden, rot-gelben Strauß gepflückt, den sie wiegend in der rechten Hand hielt. Sie blinzelte abwesend eine Weile in den Himmel, bevor ihr Blick musternd zum Waldrand wanderte. Sie schien den Blumenstrauß auf seine Eignung zu prüfen, derweil Felix schnüffelnd und suchend durch das hohe, blumendurchwirkte Gras strich. Sie atmete noch einmal tief durch und ging festen Schrittes auf den Wald zu – und hinein.

Das sonst so fröhliche Zwitschern der Vögel war verstummt, die Sonnenwärme der Wiese war einer unangenehm feuchten Kühle gewichen. Luise setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen, als wolle sie jedes Geräusch vermeiden. Felix blieb an ihrer Seite. Er kläffte gelegentlich verhalten, was Luise ihm übelnahm.

Aus dem Augenwinkel sah sie, wie ein kleiner Hase in einigem Abstand parallel ihrem Weg folgte. Sie sah zu dem Hasen hinüber, der sich scheu zu verstecken suchte. Immer wieder tauchten auch andere Hasen abseits ihres Weges auf und verschwanden wieder in den niedrigen und lockeren Büschen, die auf dem hellgrünen Moos, das von dem immer wieder durch das leicht wogende Blätterdach brechenden Sonnenlicht wechselhaft beschienen wurde, ihren Halt fanden.

Luise konnte eine Lichtung ausmachen, auf die sie erleichtert zuhielt. Einige Schmetterlinge flatterten in der sonnendurchtränkten Waldöffnung und schienen die Wärme zu genießen.

Einer der schönen, leuchtend gelben Schmetterlinge taumelte scheinbar ziellos fast bis zu ihr. Sie hob die Hand, um ihn zu begrüßen, vielleicht zu berühren, doch schoss er nun unvermittelt und pfeilgerade auf sie zu, wobei er ein Geräusch ausstieß, das entfernt an einen Schrei erinnerte und Luise zusammenzucken ließ. Instinktiv wich sie zurück, wodurch der Schmetterling ihr Gesicht knapp verfehlte. Nur die messerscharfe Kante seines Flügels hinterließ eine feinen Schnitt in ihrer Wange, den sie zunächst kaum bemerkte, auch wenn er leicht zu bluten begann. Bevor sie noch recht verstanden hatte, was geschehen war, hatte der Schmetterling sie mit erstaunlicher Geschwindigkeit umrundet und machte sich zu einem neuerlichen Angriff bereit. Sein Flug hatte nichts mehr vom harm- und lautlosen Taumel. Seine Bahn bestand nunmehr aus einem weiten Bogen, den er schnell und mit einem pfeifendes Geräusch durchmaß. Als er wieder auf sie zu hielt sah Luise, wie er sein Maul öffnete, das ihr für ein solch kleines Tier enorm groß erschien und zwei Reihen langer und nadelspitzer Zähne offenbarte. „Zu lang für Blütennektar“ hätte sie gedacht, wäre sie nicht damit beschäftigt gewesen, den Arm hochzureißen, um den Angriff abzuwehren. Der Schmetterling parierte ihre Abwehr, in dem er sich blitzschnell drehte, mit seinen Beinen nach ihrem Arm griff und seine Klauen in der weichen Haut ihres Handgelenks vergrub. Wild flatternd und kreischend riss er sein Maul erneut weit auf, bereit die deutlich sichtbar pulsierende Pulsader zu zerfetzen. Luise schlug mit dem anderen Arm, der noch den Blumenstrauß hielt, nach dem Schmetterling. Das harte und scharfe Stielblatt einer Blume zerschnitt ihn in zwei Teile. Der schrille Schrei verstummte augenblicklich, als die beiden Teile zuckend zu Boden fielen. Es war nun still. Luises Handgelenk, in dem noch einige Krallen steckten, brannte wie Feuer. Sie atmete tief ein und sah zu Felix hinab, der sich flach ins Gras gedrückt hatte. Nichts geschah.

Ein leichtes Rascheln aus dem Gebüsch verriet ihr, dass die Hasen noch in der Nähe waren. Sie spürte Angst in sich hochsteigen und wagte kaum zu Atmen. Nichts rührte sich. Der Wald war eingefroren.

Das änderte sich auf ein geheimes Zeichen. Ein Rauschen ging durch die Baumkronen, als seien die Bäume zum Leben erwacht. Das Rauschen schwoll zu einem ohrenbetäubenden Lärm und wandelte sich von einem dumpfen Grollen zu einem hohen, markerschütternden Kreischen aus tausenden von Kehlen. Der Lärm hüllte die ganze Szenerie mit seiner Allgegenwärtigkeit ein, so dass sein Ursprung nicht auszumachen war.

Zunächst konnte man die braungräulichen Rollen, die von den Ästen herabhingen, für abgestorbenes Laub halten. Doch jetzt begannen sie sich windend zu bewegen. Nicht auf eine geschmeidig biegende Art, sondern ruckartig und von einem deutlichen Knacken begleitet, als würden alte Krusten aufbrechen. Dabei fielen Krustenteile herab, die in ihrer Masse einen bräunlichen Vorhang um die Lichtung erzeugten. Nachdem sich der Kokon mühsam geöffnet hatte, kamen knisternd gelbe Flügel zum Vorschein, die sich zu ganzen Schmetterlingen entfalteten und sich von den Ästen fallen ließen. Mit einem Ziel, das erschrocken in der Lichtung stand.

Luise wusste, dass nun die Zeit der Blumen gekommen war. Sie umfasste eine Blüte fest mit einer Hand und riss sie in einer leichten Drehbewegung von ihrem Stengel. Mit den Zähnen biss sie eine kleine Kerbe in eines der Blütenblätter, wobei sie dessen bitteren Geschmack wahrnehmen konnte. Die Blüte wog schwer wie ein kleiner Stein in ihrer Hand. Sie kniff die Augen zusammen, während sie nach oben blickte und von der Sonne geblendet wurde. Dann schleuderte sie die Blüte der heranbrausenden Stampede entgegen. Der Riss im Blütenblatt bewirkte, dass die Blüte nach wenigen Metern mit einem lauten Knall aufsprang und unzählige Pollen in alle Richtungen schleuderte. Diese Pollen waren glashart und wirkten in ihrer Menge gegen das Sonnenlicht wie eine Wolke mit metallischem Glanz. Luise konnte das Schauspiel nicht beobachten. Sie wandte sich schnell ab, rollte sich, ihre Sommerjacke blitzschnell schützend über den Kopf ziehend, in der Hocke zusammen und spürte, wie tausende Pollen auf ihre Jacke prasselten, den fest gewebten Stoff aber nicht durchdringen konnten. Nur wenige trafen ihre unbedeckten Beine und lösten einen heftigen Schmerz aus, der sie zusammenzucken ließ.

Schmetterlinge tragen keine Sommerjacken. Die Pollen in der Nähe des Blütenzaubers zerfetzen ihre Flügel und Rümpfe, in weiterer Entfernung durchdrangen sie noch Augen und Flügel, ohne sie aber zerreissen zu können. Aber es reichte, um ihrem Flug ein Ende zu setzen und ihn in einen zuckenden, mit dem Geheul der gequälten Kreatur kreischenden Absturz zu verwandeln.
Der Schwarm wich aus, so dass in der Luft eine unsichtbare Kugel entstand, aus der Schmetterlingsteile herabregneten, die an eine Konfettiparade erinnerten.
Bereits die nächste Blüte richtete unter den Schmetterlingen ein Massaker an. Den wenigen, die es dennoch in ihre Nähe schafften, konnte Luise mit geschickten Hieben der Blumenstiele den Garaus machen. Eine weitere Blütenkugel entstand und verschwand wieder, was die dunkle, knallgelbe Front für einen Moment aufhielt.
Felix hatte nicht soviel Glück. Ein tief von der Seite angreifender Schwarm hatte ihn erwischt. Als Luise kurz nach unten sah konnte sie nur noch einen wabernden Klumpen aus blutbenetzten Flügeln erkennen. „Adieu mein kleiner Freund“ ging es ihr durch den Kopf – eine kurze, nur einen Gedanken lange Unaufmerksamkeit, den die Gefahr zu nutzen wusste. Mit Wucht traf sie eine Schmetterlingsrotte in den Rücken, nahm ihr den Atem und warf sie benommen zu Boden. Aus. Ihre Sinne schwanden im Schmerz.

Das letzte, was sie spürte – waren Schmetterlinge im Bauch.

unfreiwillig aufgewacht

unfreiwillig aufgewacht
aus der langen dunklen Nacht
dem sonnenhellen Königreich
dem ruhigen Erbarmen gleich
nun hinaus in diese Welt
in der alles schwerer fällt

die Sonne lacht gleich in mein Zimmer
und macht mir die Erkenntnis schlimmer
dass nichts wartet hier und jetzt
niemand der sich zu mir setzt
und mir einen Anlass bietet
überhaupt zu atmen

so bleibe ich im Bett erst liegen
warum aufstehen? nichts zu siegen
keinen Grund mich zu erheben
mich in diese Welt bewegen
in der nichts wartet
außer Mühsal

Sehnsucht wohnt im wachen Herzen
nach dem Guten, nach den Schmerzen
die sich bei Licht nicht finden lassen
und all suchend diesen Tag verpassen

es geht auch dieser Tag zu Ende
ohne dass ein Sinn sich fände
vom Lebenskalender abgerissen
nichts passiert und weggeschmissen
er wartet ruhlos auf sein Sterben
soll doch endlich Nacht es werden

wartend klage ich und schlafe ein
ton- und zeitlos wird mein Sein
nur der Morgentraum bringt mich in Not
denn Aufwachen droht!