blau

Es ist blau.

Nicht die Art von Blau, die man kennt. Kein Himmelblau, in keiner Weise in der ein Himmel blau sein kann. Nicht Schönwetterhimmelblau, nicht bedrohliches, dunkles, fastgraues Gewitterhimmelblau, das – wenn man es genau nimmt – ein Wolkengraublau ist und mit dem Himmel nichts zu tun haben will. Nicht das Türkisblau eines Bergsees, das schillert und strahlt und ewigen Sommer jenseits aller Realität verspricht, nicht das starke, scheinbar freundliche Blau des Ozeans bei Sonnenschein, das nur zu gern in ein todbringendes Unterwasserblau umzuschlagen gedenkt für denjenigen, der sich ihm in seiner grenzenlosen Weite ausliefert. Im Regenbogen sucht es sich bemüht aber vergeblich.

Es ist ein Blau, wie es nur in Träumen vorkommen kann. Ein Traumblau, Blaublau, das sich selbst genügt und jeder Beschreibung verweigert. Ein Blau, das keine Farbe, das räumlich tief ist und umfängt, auffängt, einhüllt in blasstransparenter Exposition, nichts verdeckend und alles zäh füllend. Es ist warm und kalt zugleich, lässt ohne Oben und Unten frei schweben und verhindert doch klebrig jede Orientierung, endlos.

Es ist blau. Mein Blau. Und es ist immer da.

ein Tag

Ich schlug die Augen auf
in die klaustrophobische Stille
dunkel war es
wie es immer ist im Winter
wenn des Sommers Helle tot
längst vergessen jede Wärme
Vor mir lag ein Tag, der schien unendlich lang
nicht zu bezwingen
und doch wichtig
er würde einer der letzten meines Lebens sein
abzählbar waren sie geworden
nicht an einer Hand, auch nicht an zweien
und doch
ich schloss die Augen wieder
soll der Tag doch später kommen

Irgendwas mit issen

Das Gewissen will vom Wissen wissen:
„Muss ich die weiße Fahne hissen?“
Geht es ihm doch so beschissen
alle Chancen sind verschlissen
hat die Klappe aufgerissen
ein Stück vom Leben abgebissen
kann sich aber nicht verpissen
denn würde es schon sehr vermissen
und weinen … in sein Kissen.

Meterdicke Morgenluft

Meterdick kriechende Morgenluft
schiebt den neuen Tag herauf
und klebrig blendend die Sonne ins Zimmer,
wo ich schon auf sie warte.

Kleine Blätter machen große Schatten,
um mit meinem allein das Licht zu vertreiben,
das – obschon hell – still ist.

Vom Tango berührt zum Whiskey verführt
stahl sich der alte Tag davon,
kichernd in das lautrauschende Dunkel.

Die Nacht ist Verrat am Tag
und der Tag ist ein Verräter,
von früher Stunde ins Licht gezerrt.
Nur für mich.

tiefsüß

tiefe Gnade süßer Tod
fühlte ich mich einst bedroht
scheint er heute wundervoll

komme lautlos angeflogen
letzter Schrecken sei betrogen
nächtens bestenfalls

von alltäglicher Mühsal befreit
kühl und dunkel alle Zeit
friedlich und still

all das Streben ist nur Hohn
wo bliebe denn der ganze Lohn
im Angesicht der Zeit

keine Angst mehr vor dem Sein
vor dem hellen falschen Schein
wahre Dunkelheit und dunkle Wahrheit

der Schmerz für immer sei versiegt
weil es einfach nichts mehr gibt
vom Weltenirrsinnn abgeschnitten

die alte Dame lächelt noch
– tiefsüß –
lohnt der nächste Tag sich doch?