Das verborgene Böse

Übersetzung nach dem Original von Juan Manuel Guerrera.

Ich bin ein übler Geselle. Mir dessen bewusst zu sein, mich daran zu freuen, es zu feiern, ist Teil meiner Bosheit. Ich möchte mir dennoch zugutehalten, dass ich relativ harmlos, geradezu subtil und verborgen übel bin. Entscheidend ist, dass mir die Bosheit eine schillernde Wahrheit offenbart hat, die ich mit dir, verehrter Leser, teilen möchte. Dazu muss ich mich bekannt machen. Oder besser beschreiben, wie ich meine Bosheit denke und lebe, die sich durch den Blick von außen so schwer enttarnen lässt.

Es beginnt bereits mit dem Erwachen am frühen Morgen. Obwohl mir frühes Aufstehen nichts ausmacht, bleibe ich zunächst liegen. Mein Beruf zwingt mir keinen frühen Beginn auf, dieser Luxus kommt mir gelegen, um jetzt bereits die langsam steigende Spannung zu genießen. Hellwach und mit geschärften Sinnen warte ich auf das Erwachen meiner Mitbewohner. Sobald sich jemand regt oder ein Wecker klingelt bin ich auf den Beinen und auf dem Weg ins Bad. Das ist der beste Zeitpunkt, um mit der Bosheit des Tages zu beginnen. Im Bad habe ich alle Zeit der Welt. In Ruhe Zeitung lesen auf der Toilette, anschließend eine Rasur mit größtmöglicher, detailverliebter Sorgfalt, obwohl ich mich recht wenig um ein gepflegtes Äußeres schere. Dann ausgiebig duschen. Wenn ich den Verdacht habe, dass es für einen meiner Mitbewohner ein besonders wichtiger Tag ist, darf es auch ein Bad mit Kerzen und allerlei duftenden Ölen und Salzen sein.
Das Verhalten meiner Mitbewohner ist vorhersehbar. Zunächst geschieht gar nichts, sie warten geduldig, denn ihr Anspruch auf das Bad ist derselbe wie meiner. Nach einer Weile klopfen sie vorsichtig. Mit kaum gespielter Unschuld gebe ich durch die Tür zurück, dass das Bad besetzt sei. Obwohl das offensichtlich ist, scheint es sie für eine weitere Spanne zu besänftigen und meine Freude an der sich so langsamen steigernden Spannung zu vergrößern, die unzweifelhaft auf einen Höhepunkt zuläuft. Wenn sie dann fragen, ob sie kurz ins Bad dürften, ohne zu schauen, lüge ich schalkhaft durch die Tür, dass ich sofort fertig sei und das Bad dann frei würde. Diese Lüge enttarnt sich mit der Zeit selbst, was zu doch heftigem und wütendem Rufen und Pochen an die Tür führt. Das ist mein Moment, die Tür zu öffnen und den Weg ins Bad freizugeben, jedoch nicht ohne – noch im Türrahmen stehend – beleidigt und spitz anzumerken, dass sie doch einfach mal früher aufstehen könnten. Und so ähnlich mache ich es mit allen gemeinsam benutzten Räumlichkeiten unseres Hauses.

Bei unseren Bewohnerversammlungen ist dies natürlich immer wieder Thema. Und natürlich gebe ich mich verständisvoll und gelobe Besserung. Und ich mache mich zum Opfer, indem ich jede nur denkbare psychologische Erklärung in aller nur möglichen Ausführlichkeit vorbringe und erläutere. Davon kenne ich viele, bin ich doch seit mehr als zehn Jahren in psychotherapeutischer Behandlung, was mir einige Munition für derartige Ausführungen liefert. Selbstverständlich dient dies nicht meiner Rechtfertigung, schon gar nicht mir selbst gegenüber, denn ich weiß ja genau, welches Vergnügen ich dabei empfinde und bereue dies nicht, im Gegenteil. Nein, es dient ausschließlich dem Ziel, diese Besprechungen unerträglich in die Länge zu ziehen. Versucht man mich zu stoppen, wende ich ein, dass ich meinerseits allen anderen stets aufmerksam zuhöre – ein schwer zu überprüfendes und damit schwer widerlegbares Faktum – und fordere für mich den gleichen Respekt und die gleiche Beachtung ein. Und schließlich ginge es darum, unser Gemeinwesen zu verbessern, daran müssten doch alle gleichermaßen interessiert sein. Schlussendlich resignieren sie in der Erkenntnis, dass mir zuzuhören weniger qualvoll ist als mich zu unterbrechen. Neben meiner Genugtuung über ihre Ermüdung labt sich meine Bosheit daran, dass so auch dringend zu besprechende Themen wiederholt von der Tagesordnung fallen.
Paradoxerweise zwingen meine Bosheiten meine Mitbewohner dazu, sich selbst zu optimieren. Sie müssen ruhiger sein, klüger, besser argumentieren. Sie dürfen meiner Bosheit keinen Raum lassen, sich zu entfalten. Sie müssen lernen, die Umstände so zu setzen, dass sie die Bosheit eindämmen. Damit will ich nicht sagen, dass ich doch auf heimliche Weise gut bin. Ich bin übel, unzweifelhaft. Aber man erkennt es nicht, bestenfalls hält man mich für etwas kompliziert und gibt sich am Ende selbst die Schuld und Verantwortung, als sie mir zuzuschreiben.

Der große Unterschied zwischen allen – nicht nur meinem Mitbewohnern – und mir liegt in der Menge an verfügbarer Zeit, meiner unerschütterlichen Geduld und der vollkommenen Gleichgültikeit gegenüber Konflikten. Das Vergnügen an Konflikten ist ein zentrales Element meiner, vielleicht sogar jeder Art nichtpathologischer Bosheit.

Zurück zum Verlauf meines Tages: Ich verlasse das Haus, um mein Stammcafe zu besuchen. Ich nenne es nicht Liebslingscafe, weil mich weder die Qualtät des Kaffees noch das Ambiente in irgeneiner Weise interessieren. Bosheit kann an solcherlei Dingen keine Freude finden. Stattdessen mag ich den Tisch, der sich nahe an einer seit langem gelockerten Bodenfliese befindet, an deren Unberechenbarkeit erstaunlich viele Gäste stolpern und – mit etwas Glück – straucheln. Warum diese Fliese nie repariert wurde ist mir unverständlich, vielleicht hält der Cafebesitzer dies für einen Teil des mediteranen Flairs. Wie dem auch sei ist es ein Glücksfall für mich, habe ich doch eine diebische Freude daran, besonders wenn der Unglückliche wirklich stürzt, bestenfalls noch mit Getränken und Speisen. Manchmal spreche ich Gäste im Vorbeigehen an, um ihre Aufmerksamkeit von möglichen Unebenheiten des Bodens abzulenken. Gelingt mir ihr Sturz, bin ich der Erste, um helfend beizuspringen, während ich innerlich laut lachen muss. Am Ende mühen sie sich, mir zu danken, ohne zu ahnen, was hinter meiner Hilfsbereitschaft steckt.

Ich mag dieses Cafe auch wegen seiner zahlreichen Stammgäste. Ich mag es, ihnen ihre bevorzugte Zeitung wegzuschnappen, wie sie üblicherweise in Cafes dieser Art ausliegen. Da ich dies unmöglich für alle Stammgäste gleichzeitig tun kann, suche ich mir meine Opfer zufällig aus. Zum einen gibt mir das die Möglichkeit, zahlreiche erstaunte und verärgerte Gesichter zu sehen, zudem macht es mein Verhalten unvorhersehbar und lässt meine Bosheit verborgen. Wenn ich das Cafe betrete schaue ich, welcher Stammgast zur gewohnten Zeit noch nicht anwesend ist. Entsprechend wähle ich meine Zeitung aus. Manchmal nehme ich mir noch eine zweite der entgegengesetzten politischen Ideologie. Werde ich dann nach einer Zeitung gefragt, gebe ich vor mich für genau diese zu interessieren und biete die andere an. Meist wird das akzeptiert, wenn auch zähneknirschend. Wiederrum trägt meine Bosheit somit zur politischen Toleranz bei. Nunja. In jedem Fall gebe ich die Zeitung erst zurück, wenn niemand mehr Interesse an ihr hat.

Das hat zur Folge, dass ich oft verspätet zum Dienst erscheine. Das stellt kein tatsächliches Problem dar, da ich als Beamter des öffentlichen Dienstes nicht kündbar bin, was weitere erfreuliche Konflikte zur Folge hat. Doch dazu später mehr.

Besuche ich ein anderes Cafe, wähle ich ein möglichst großes, besser ein besonders langes aus und setze mich an den am weitesten vom Tresen entfernten Tisch. Dadurch hat der Kellner den längsten Weg, um mich zu bedienen. Der arme Kerl hat natürlich nicht die leiseste Ahnung, welche Genugtuung mir seine fruchtlose Mühe bringen wird. Wenn er mich begrüßt, sage ich ihm, dass ich noch nichts bestellen mag, da ich auf einen engen Freund warte und bitte ihn, in einigen Minuten noch einmal nachzufragen. Dies wiederhole ich einige Male, bis ich ihn schließlich herbeiwinke, um doch nur für mich selbst etwas zu bestellen. Dann erst finde ich in einem quälend langen Prozess auf der Karte nichts geeignetes und lasse ihn das ein ums andere Mal in der Küche zu meinen Sonderwünschen nachfragen, die ich dann doch stets freundlich und bedauernd als unzureichend befinde. Zu keiner Zeit erscheine ich verärgert, sondern gebe mich lachend und scherzend. Dabei genieße ich die wachsende Frustration des Kellners in seinem Bemühen, meinen Wünschen gerecht zu werden. Seine wiederholten Entschuldigungen speisen meine heimliche Bosheit. Endlich beschwichtige ich und bestelle etwas, nicht ohne ihn auch während der Mahlzeit mehrfach für unnötige Kleinigkeiten zu mir zu bitten. Obwohl freundlich und höflich, erzeuge ich so doch bei ihm ein Gefühl des Unvollkommenen, Minderwertigen.

Bosheit ist kein einfaches Geschäft, soll sie verborgen bleiben. Ich verfüge über die bewundernswerte Gabe des logisch-mathematischen Denkens, die es mir erlaubt, meine Handlungen vollkommen konsistent erscheinen zu lassen. Es ist unmöglich, unter allen Umständen unmöglich, mich für den Unbill des üblen Geschehens verantwortlich zu machen. Die Menschen spüren die Bosheit, können aber den Grund nicht finden. Nicht nur, dass mir kein Unrecht nachzuweisen wäre, selbst in ihrem Inneren finden sie keine Schuld bei mir. Einige wenige entwickeln das Gefühl, das etwas um mich herum nicht stimmt. Meine durch das ewige Verbergen des Übels geschulte Emphatie erkennt wiederrum ihren Verdacht und vortan halte ich mich von ihnen fern. Ich möchte anderen Schwierigkeiten bereiten, nicht mein eigenes Leben komplizieren.

Sobald ich mein Frühstückvergnügen beendet habe, setze ich mich ins Auto. Kaum ein System ist stärker reglementiert als der Straßenverkehr, kollabiert aber ironischerweise dann, wenn sich alle oder auch nur manche an die Regeln halten. Dann wird er für alle zur Qual. Genau deshalb halte ich mich an die Regeln, so pedantisch und freundlich wie es mir nur möglich ist. Auch im dicksten Verkehr zögere ich nicht, jeden Fussgänger über die Straße zu bitten, keinesfalls ein gelbes Ampellicht noch zu überfahren, an jeder Querstraße wartende Autos einzulassen. Letzteres erzeugt mir einen kleinen, inneren Konflikt, da ich schließlich jemandem etwas Gutes und Erleichterndes zukommen lasse, von dem ich oft auch noch berechtigte und ernst gemeinte Dankbarkeit empfange. So ist das Leben. Man kann es nicht allein gleichzeitig schwer machen, man muss sich entscheiden. Des einen Leid ist leider des anderen Freud. Der dieser Weltwahrheit innewohnende Zynismus macht mir den Konflikt erträglich. Ebenso wie der Blick in den Rückspiegel, der mir haareraufende, wild gestikulierende, auf das Lenkrad einschlagende Fahrer zeigt, die offenbar eingebildete Beifahrer anschreien und beschimpfen. Vorwerfen kann man mir dennoch gar nichts, da mein Verhalten freundlich und regelgerecht ist. Beschimpft man mich als „Opa!“, lächle ich nur ergeben mit erhobenem Daumen als freue ich mich an der mutmaßlichen Ironie. Dies erspart mir manche Prügel, sollte sich die Wut entladen wollen.
Was die Regeln angeht, bin ich natürlich kein Purist. Wenn es die Situation verlangt, wechsle ich die Seite. Prinzipientreue passt nicht zur Bosheit. Wenn der Verkehr im Stau völlig zum Erliegen kommt und sinnloses Hupen beginnt, stimme ich willig mit Dauerhupen ein, einzig, um zum allgemeinen Stressniveau beizutragen.

Offensichtlich ist der Arbeitsplatz ein wunderebarer Ort für mein Übel. Natürlich begrüße ich niemals den Pförtner, den meine Gleichgültikeit offensichtlich irritiert. Am Aufzug warte ich so lange, bis ich einen für mich allein ergattern kann. Das kann eine Weile dauern, lohnt sich aber, wenn dann doch noch jemand eilt, den Aufzug noch zu erreichen. In diesem Augenblick zeige ich mich übertrieben aktiv, drücke hektisch den Knopf zum Schließen der Tür. Schafft die Person es dennoch, wird sie mir für meine vermeintliche Hilfe danken und meine Hinterhältigkeit jubelt. Schafft sie es nicht, zucke ich bedauernd und mit Unschuldsmine die Achseln. Ich habe ja alles versucht.

Mein Chef hat aufgegeben, sich für mein ständiges Zuspätkommen zu interessieren. Zum einen ist es nicht sein Geld, zum größten Teil aber weil er wie jeder vernünftige Mensch von meinen langwierigen Erklärungen genug hat. Eine Methode, die ich schon an anderer Stelle so erfolgreich einsetze.

Meine Amtstätigkeit ist irrelevant. Außer für den armen Bürger, der einen Antrag stellen musste; nur der Amtsschimmel weiß, warum. Diese armen Teufel werden mich niemals persönlich antreffen und ich werde ihnen niemals einen Grund zur Beschwerde geben. Tun sie es doch, beklagen die lange Bearbeitungszeit, trifft ihre Wut nicht mich, sondern meinen Chef, der es aufgegeben hat, sie an mich weiterzuleiten. Siehe oben. So schlage ich zwei Fliegen mit einer Klappe. Aber sie werden lernen, sich in Geduld zu üben. Der einzige Anreiz zur Bearbeitung eines Antrags ist meine Bereitschaft dazu. Und diese ist per se nicht besonders hoch, und lässt kaum mehr als wenige Anträge am Tag zu. Und es ist meine Entscheidung, meine Willkür, welche ich auswähle. Willkür verträgt sich gut mit Bosheit, ist ein hervorragendes Werkzeug. Vielleicht gefällt mir einfach nur der Name nicht und ein Antrag landet wieder ganz unten unter dem Stapel. Oder ich finde, erfinde, einen winzigen Formfehler als Grund, um den Antrag in Gänze abzulehnen und den Prozess in eine neuerliche Runde zu zwingen.

Meine Kollegen meiden mich. Das ist allgemein von Vorteil, habe ich doch auch kein Interesse, mich mit ihnen zu beschäftigen. Es ist offensichtlich, dass meine Einstellung zum Beruf nicht förderlich für jede Form von Karriere ist. Das belastet mich nicht, gibt mir doch der herkömmliche berufliche Erfolg keinerlei Befriedigung. Ein Aufstieg in einem System, das ich torpediere, muss mir sogar gleichsam als Misserfolg erscheinen. Dennoch lassen sich Beförderungen durch bloße, langzeitige Zugehörigkeit nicht vermeiden. Dadurch habe ich Kollegen, die mir unterstellt sind. Dieser Umstand hat mir einen ausgezeichneten Aspekt meiner Bosheit offenbart: Stolz. Man sollte meinen, dass Untergebene besonders zu leiden hätten, können sie sich doch kaum wehren oder ausweichen. Aber es liegt etwas von Größe darin, das Übel gleichmäßig in alle Richtungen der Organisation zu senden. Stolz und Bosheit – zwei Dimensionen meines Charakters, die aneinander wachsen und sich entfalten.

Nach der Arbeit, oder was andere dafür halten mögen, besuche ich die Universität. Ich habe ausreichend Freizeit und das universitäre System verlangt keine konsistente Anwesenheit. Ich habe keinerlei Interesse an irgendeinem Abschluss. Wie bei den Bewohnerversammlungen geht es mir darum, die Kommilitonen mit unsinnigen Nachfragen und endlosen Einsprüchen zu quälen. „Ich weiß nicht warum, aber ich bin dagegen!“ – ist mein ideologisches Mantra. Meist bedeutet dies das Einnehmen extrem rechter Positionen, deren Aussagen meist dumm und unlogisch, gleichzeitig aber extrem provozierend auf die eher-linken, marxistischen Horden der Studentenschaft wirken. Ihr religiöser Feuereifer mich zu widerlegen und an meiner vorgegebenen Ignoranz abzuprallen ist mir stets ein Fest.
In der Bücherei bestelle ich häufig Bücher, die es entweder gar nicht gibt oder deren Thema weitab derjenigen ist, wie sie in einer universitären Bibliothek zu finden sind. Auch das andere Verwaltungspersonal beschäftige ich mit Anträgen und Anfragen. Dies erscheint mir als ein Akt beträchtlicher und ausgleichender Gerechtigkeit.

Letztlich, wenn ich Abends nach Hause zurückkehre, bereite ich mir ein Abendessen, nicht ohne meine Mitbewohner damit so gut es geht zu stören. Ich beklage mich noch über dieses und jenes, lamentiere dass ich einen harten Tag hatte und keine Lust mehr habe, mich mit ihren unsinnigen Erwiderungen zu befassen. Mit etwas Glück rauben diese Konflikte dem ein oder anderen den Schlaf.
Ich dagegen, wenn ich im Bett den Tag Revue passieren lasse, falle zufrieden in Morpheus‘ Schoß und schlafe wie ein Engel.

Ob ich stolz auf meine Bosheit bin? Nicht unbedingt, aber ich akzeptiere sie von ganzem Herzen. Wie ich auch mich mit ganzem Herzen akzeptiere. Ich werfe mir nichts vor, bedaure und bereue nichts. So wie es ein einsamer Wolf täte.
Ganz anders als meine Familie. Deshalb finanzieren sie meine Therapie. Ich habe eingewilligt, nicht etwa weil ich mich ändern möchte, sondern um die Sinnlosigkeit eines solchen Unterfangens zu demonstrieren und das Maß an Frustration und Hilflosigkeit bei meinen lieben Eltern und Geschwistern weiter zu steigern.

Mein Therapeut weiß davon nichts. Das muss ihn verwundern, führe ich ihm doch in jeder Stunde die Nutzlosigkeit seiner Bemühungen vor Augen. Er wird kaum verstehen, warum ich meine und seine Zeit so sinnlos verschwende und auch noch dafür bezahle. Er kann nicht ahnen, auf welche von ihm sicher unerwünschte Weise mir diese Therapie Freude bereitet. Sollte er jemals herausfinden, woher das Geld wirklich kommt, würde ich ihn von da ab selbst bezahlen, allein um ihn nicht aus seiner Verwirrung entkommen zu lassen. Sein Selbstverständnis als Therapeut beruht letztlich auf der irrigen Annahme, Menschen und besonders seine Patienten zu verstehen. Es ist schön, solide gedachte Grundpfeiler eines Menschen ins Wanken zu bringen.

Freunde habe ich nicht. Wer würde jemanden wie mich zum Freund haben wollen? Und noch entscheidender, wie sollte jemand wie ich Freunde haben wollen? Von einer Freundin ganz zu schweigen.

Stattdessen habe ich Leser, schließlich bin ich Autor. Und auch mit ihnen spiele ich gern. So verspreche ich tiefe Einblicke in schillernde Wahrheiten, die sich niemals zeigen werden. Ich baue Spannung mit immer neuen unterhaltsamen und vielversprechenden Anekdoten auf, die nirgends hinführen. Erst im letzten Absatz wird dann klar: Es gibt keine Weisheit, kein Geheimnis, die ganze Geschichte ist nichts als Blendwerk. Der Leser ist enttäuscht, fühlt sich betrogen und kommt sich dumm und naiv vor, dem üblen Gesellen so lange getraut und in seiner Geschichte gefolgt zu sein. Und auch wenn die Einsicht schwer fällt: So ist es nun geschehen!
So zeigt sich auf magische Art das höchst Böse. Oder auch nicht.

blau

Es ist blau.

Nicht die Art von Blau, die man kennt. Kein Himmelblau, in keiner Weise in der ein Himmel blau sein kann. Nicht Schönwetterhimmelblau, nicht bedrohliches, dunkles, fastgraues Gewitterhimmelblau, das – wenn man es genau nimmt – ein Wolkengraublau ist und mit dem Himmel nichts zu tun haben will. Nicht das Türkisblau eines Bergsees, das schillert und strahlt und ewigen Sommer jenseits aller Realität verspricht, nicht das starke, scheinbar freundliche Blau des Ozeans bei Sonnenschein, das nur zu gern in ein todbringendes Unterwasserblau umzuschlagen gedenkt für denjenigen, der sich ihm in seiner grenzenlosen Weite ausliefert. Im Regenbogen sucht es sich bemüht aber vergeblich.

Es ist ein Blau, wie es nur in Träumen vorkommen kann. Ein Traumblau, Blaublau, das sich selbst genügt und jeder Beschreibung verweigert. Ein Blau, das keine Farbe, das räumlich tief ist und umfängt, auffängt, einhüllt in blasstransparenter Exposition, nichts verdeckend und alles zäh füllend. Es ist warm und kalt zugleich, lässt ohne Oben und Unten frei schweben und verhindert doch klebrig jede Orientierung, endlos.

Es ist blau. Mein Blau. Und es ist immer da.

ein Tag

Ich schlug die Augen auf
in die klaustrophobische Stille
dunkel war es
wie es immer ist im Winter
wenn des Sommers Helle tot
längst vergessen jede Wärme
Vor mir lag ein Tag, der schien unendlich lang
nicht zu bezwingen
und doch wichtig
er würde einer der letzten meines Lebens sein
abzählbar waren sie geworden
nicht an einer Hand, auch nicht an zweien
und doch
ich schloss die Augen wieder
soll der Tag doch später kommen

Adolf Gauland

Alexander Gauland, 2.9.2017: „haben wir das Recht, stolz zu sein auf Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen“

Die Menschen, die mich kennen (der Plural ist Wunschdenken), werden sagen: „Das ist ein ganz ruhiger Geselle“. Aber wenn ich den Gauland lese schwillt dem Gesellen der Kamm. Stolz? Also bitte Gauli!

Ich will nicht von den gar nicht so wenigen Tätern unter den Soldaten aller Ränge reden. Solche, die gemordet, gebrandschatzt und vergewaltigt haben, die Bombardierung von Städten, Giftgas und Himmelfahrtskommandos befohlen, die Erschießung von Zivilisten, Frauen, Kindern und Männern anordneten. Vielleicht sogar mit Vergnügen oder zumindest aus verblendeter Überzeugung. Stolze Leistung, wahrlich. Für die schämen wir uns doch lieber?

Ich rede von den anderen. Die braven Familienväter, die bei Verdun und Stalingrad in Gas, Hunger und Kälte verreckt sind. Die monatelang in Dreck und Angst leben mussten, um auf andere Menschen – ebenso stolze Soldaten – zu schießen und von ihnen beschossen, verletzt und umgebracht zu werden. Beides wollten sie in der Regel nicht. Die jungen Männer und Kinder, denen der jugendliche Leichtsinn durch Kriegshorror ersetzt wurde, den sie zeitlebens – was oft nicht so lang war wie man es gemeinhin annimmt – nicht mehr los wurden.

Bedauern, Mitgefühl und -leid mit diesen armen Seelen, das sollte man haben. Trauriges und trauervolles Erinnern und hoffen, dass Soldaten – nicht nur unsere – das nie wieder erleben müssen. Dieser wilheminische Militärpatriotismus ist ekelhaft anachron und wurde zu allen Zeiten nur von denen fortgetragen, die selbst nie eine Waffe in die Hand nehmen mussten. Wie Opa Gauland.
Allen Toten, Invaliden und Hinterbliebenen muss solch ein Spruch wie Hohn vorkommen.

Adolf Gauland und seiner Partei keine Stimme zu geben ist keine Frage der politischen Einstellung oder Meinung, sondern des Anstands.

 

Terror in Mülheim an der Ruhr?

Zu einem tragischen Zwischenfall mit einer Toten und einem Schwerverletzten kam es am Montag auf einer ehemaligen Bahntrasse in Mülheim an der Ruhr.
Wie erst heute bekannt wurde, raste ein Radfahrer mit hoher Geschwindigkeit ungebremst in eine Biene. Diese versuchte zunächst zu fliehen. Als das misslang, verteidigte sie sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten, verlor aber ihren Stachel und verstarb noch bevor Hilfe eintreffen konnte. Der Täter wurde selbst schwer verletzt, konnte aber entkommen.
Mehrere Menschen erlitten keinen Schock. Die Behörden wollten einen Terroranschlag nicht ausschließen, da ein Bekennerschreiben bisher nicht vorliegt. Ob die Tat einen islamistischen Hintergrund hat, bleibt weiterhin unklar. Zeugen hörten den Täter jedoch ‚Aua Aua‘ (deutsch: Aua ist groß!) rufen.