Tango? Ein Jahr.

Tango? Ich? Verrückte Idee. Wie kommt man denn auf sowas? Doch der Gedanke ist wahrscheinlich älter als ich vermute. Immer wenn ich auf einer Hochzeit, einem 40/50ten oder einem Schützenfest mit unterdrückten Tränen der Wut zu Discofox gezwungen wurde, dachte ich heimlich und im Stillen: Tango könnte gehen. Das hat etwas, so etwas Ruhiges, Erhabenes. Natürlich ohne jemals einem Tango auch nur zugesehen zu haben. Nur so eine unbestimmte, vage Ahnung von etwas, das von einem mystischen Hauch umwogen ist. Oder weil das Wort so schön klingt: Tango.

Aber an einem Sonntagnachmittag, an dem sonst so gar nichts passieren wollte, bot sich dieser Schnupperkurs ganz in der Nähe an – und ich ging hin.

Voreinander hinstellen – Übungshaltung – und dann losgehen. Ich vorwärts, sie rückwärts. Aha. Wohlan denn! Gehen wir mal los.

Ein Schritt … das war’s! Vielleicht war es nicht der erste Schritt, sondern die ersten fünf. Oder die ersten fünf Minuten. Ich weiß es nicht mehr. Jedenfalls war ich gefangen. Ein Schritt im Tango war kein Schritt, wie ich ihn kannte. Er war so wuchtig, zwingend, war so bewusst, war greifbar, plastisch, warm, hatte eine Konsistenz wie Karamell, das leicht erwärmt langsam gerührt wird. Wenn ich wollte, roch er sogar wie Karamell. Und er schmeckte nach mehr.

Vorerst blieb es dabei und bis zum ersten Kurs dauerte es noch eine ganze Weile. Unentschlossen wie es Männer im Allgemeinen und ich im Speziellen nun mal sind, wurde ich von meiner Partnerin letztendlich dazu gezwungen: „Ich fahre jetzt los und erwarte dich um 19:00 vor Ort“ waren ihre Worte, die keinen Widerspruch duldeten und für die ich ihr heute dankbar bin (das „verdammt nochmal“ und weitere Beschimpfungen danach werden aus Gründen der Contenance hier nicht zitiert). Ohne es zu ahnen hatte ich bei meinem ersten Schritt einen heiligen Pakt mit dem Geheimbund der Tangolehrer geschlossen, der mich noch etwas kosten sollte.

Die ersten Figuren waren schnell gelernt. Ein Ocho, vielleicht ein Kreuz. Der Erfolg machte mutig und bald sollte es zur ersten Milonga gehen. Kaum ein Vierteljahr später (Thema: Entschlossenheit, s.o.) war es auch schon so weit. Hinaus in die Wildnis, spielen mit den großen Kindern. Während das Tanzen selbst ob der Aufregung merklich hinter die Kursleistung zurückfiel, tauchten ganz neue Dinge auf. Ungeschriebene Gesetze, deren Nichteinhaltung wenig nachsichtig geahndet wurde. Tandas? Tanzlinien? Und es gab gar nicht mehr so viel Platz! Das ohnehin knappe Repertoire brach noch einmal zusammen und schuf damit Raum für Verzweiflung. Kurz: Es war schlimm.
Aber es war mein erster Fußabdruck auf dem Tangomond. Ein kleiner Schritt für mich, ein großer Sprung für die anderen. Nämlich zur Seite, wenn sich geballte 90kg Mann (all muscles, no fat) mit ein bisschen Frau davor in einer wilden Mischung aus Eishockey und Straßenkarneval in Rio über den Tanzboden frästen.
Und es gab noch so viel zu lernen: Sandwich, Nacho, Tortilla, Colgate, Avocado, Ocho Mortale, Enchilada – oder wie auch immer das alles heißt.

Nachdem ein wenig Routine mehr Sicherheit gebracht hatte, wartete schon die nächste Hürde: Fremde Frauen auffordern! Diese kleinen, bösen Wesen aus einer anderen Welt, vor denen ich mich schon im Kindergarten gefürchtet hatte. Das bisschen Mut, eben noch für 50 Cent aus dem Kaugummiautomaten gezogen, versagte völlig, als ich die Angebetete mit einem dieser verdammten Supertänzer über die Tanzfläche gleiten sah. Wie konnte ich denn da mithalten?
Aber zum Glück gibt es den Cabeceo. Cabeceo bedeutet, dass man auf gar keinen Fall niemals nicht jemanden freundlich anlächeln oder auch nur anschauen darf. Doch bevor man lernt, sich mit auf den Boden gesenktem Blick in einer möglichst dunklen Ecke unsichtbar zu machen, hat der Unerfahrene schon versehentlich jemanden aufgefordert. Atemstillstand, Blutsturz, Schweißausbruch. Und vor allem: Völlige Leere im Kopf! Und Angst. Zu meiner Überraschung: Es war gar nicht so schlimm! Die erwartete Blamage blieb aus. Stattdessen Anerkennung für das in der kurzen Zeit Erlernte, und dass es schön gewesen sei. Die Frauen sagen oft, dass sie die tollen Figuren gar nicht brauchen und dass eine gute Umarmung viel mehr wert sei, aber ich glaube ihnen nicht ganz. „Du warst echt toll, wirklich!“ ist doch sonst auch immer gelogen. Vielleicht stimmte es aber doch ein klein Wenig. Zwar gab es keine zweite Tanda, soweit ging es dann doch nicht und ich hätte sie ob totaler Erschöpfung auch nicht überlebt. Aber schön war’s.

Dann dieser Abend. Schon etwas später, nicht mehr voll und ein schöner, langsamer Neotango. Ich hatte vorher schon mit ihr tanzen dürfen (versehentliches Cabeceo), einer sehr eleganten Tänzerin. Aber dieses Mal – war es anders. Die Schritte und Figuren vergessen, keine Angst vor dem Fehlschlag. Alles um mich herum war weit weg, ich war im Hier und Jetzt. In einem eigenen Hier, einem eigenen Jetzt. Unbekannt, unerwartet, weich, warm, schön, aus einem Stück. Erotik 2.0! (Der geneigte Leser möge an dieser Stelle 20 Sekunden mit geschlossenen Augen innehalten.) Das war wohl mein erster Tangasmus. Von einem Discofoxasmus habe ich noch nie gehört!

Und heute? Nach Kursen, Workshops und Camps: Noch immer bestaune ich ungläubig – leider meist bei anderen – das perfekte mechanische Ineinandergreifen von Sacadas und Ganchos wie bei den Transformers. Den Variantenreichtum von Volcadas und Colgadas, der schlichten, physikalischen Notwendigkeiten folgt. Das stille, genaue Führen mit subliminaler Kommunikation.

Aber das ist es nicht.

Wenn sich ein Schritt aus der festen Verwurzelung im Boden mit der unaufhaltsamen Gewalt eines Erdbebens in den Impuls für die Partnerin übersetzt, die dem willig zu folgen vermag. Wie ein behutsamer Riese, der die feinste Nuance achtsam wahrnimmt und jederzeit bereit ist, seine Kraft zurückzunehmen, umzuleiten, und sicher stehend anzukommen. DAS ist es.
Meist trägt meine Urgewalt noch ein rosa Kleidchen und glitzernde Schleifchen im Haar, aber sie wohnt schon bei mir und darf manchmal hinaus zum Spielen.
Kraftvolles, geduldiges Führen ohne Zwang, wohlmeinendes Folgen mit selig geschlossenen Augen (was die Damen im Alltag gern vermissen lassen), Kommunikation ohne Worte, Nähe, Achse, Balance. Ein Traum.

Findet mich auf dem Parkett – ihr werdet was erleben!

Veröffentlicht in Leben

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