Natios

von Jörg Plewe

Differenzieren, nicht verallgemeinern: Nicht jeder besorgte Bürger ist ein Nazi. Braun ist keine Farbe des Regenbogens, Braun ist eine Mischung. Dennoch möchte ich alle Nazis – alte wie neue, Pegidas, Asylkritiker, Fremdenangstler und Asylantenfürchter einmal in einen Topf werfen dürfen. Das ist nicht nur der bestiefelte Grölglatzkopf und das abgehängte, bildungsferne Prekariat. Es gibt sie überall. Im Grunde jeder, der das Wort ‚Wirtschaftsflüchtling‘ oder ‚Asylbetrüger‘ schon mal gedacht und so gemeint hat. Ich werde sie Natios nennen. Damit das Kind einen Namen hat.

Wir Deutschen mögen sie nicht.

Dennoch leben sie seit Jahrzehnten in unserem Land, mitten unter uns. Sie sind hier geboren und haben einen deutschen Pass. Deshalb können wir sie nicht ausweisen. Wohin auch? Niemand will sie haben.

Seit einiger Zeit nun machen Natios mit spektakulären und medientauglichen Aktionen auf ihre Bedürfnisse aufmerksam und rufen damit bei einem wachsenden Teil der Gesellschaft den Volkszorn wach, der sich erfreulicherweise immer lauter und deutlicher zu äußern vermag und wie eine bunte Welle durch das Land rollt.

Doch statt die rechtsnationale und/oder fremdenängstliche Gesinnung der Volksgenossen (zu Recht) als herzlos und falsch informiert zu diffamieren, sollten wir sie verstehen und sie ihrem Wunsch und ihren ureigenen Vorstellungen gemäß leben lassen. Schließlich sind sie unsere Nachbarn und Mitbürger. Noch ist Deutschland ein halbwegs freies Land, in dem sich jeder nach seiner Façon verwirklichen darf.

Wir beginnen damit, rechtes Hetz- und Schriftgut zu verbieten und die Verbreitung zu unterbinden. Im Zeitalter von eBooks und Internet wirken Bücherverbrennungen anachronistisch, aber ein Stapel des Natio-Propagandablatts BILD brennt sicher prima. Und für einen ordentlichen Fackelzug ist die traditionsbewusste Natio-Gemeinde sicher gern zu haben.

Um Natios besser vor den stetigen Übergriffen durch Fremdlinge zu schützen, müssen sie als solche erkennbar sein. Durch einen auffälligen, gelben Button zum Beispiel. Vielleicht mit einem Smiley – warum nicht? Das Tragen des Buttons ist selbstverständlich verpflichtend, da ansonsten der Schutz nicht zu gewährleisten ist. Wir gründen Schutz-Abteilungen mit chicen Uniformen. Philanthrope Schlägertrupps, die die Ordnung wahren, wodurch jeder Natio grundgesetzgemäß unantastbar würde.

Weiterhin etablieren wir ausländerfreie Stadtteile, in denen Natios angesiedelt werden und zu denen kein Fremder Zutritt erhält. Dort kann eine reindeutsche Natio-Ökonomie erblühen, die keine ausländischen Verunreinigungen zu fürchten braucht. Niemand wird dort Arbeitsplätze stehlen, kriminell sein oder Krankheiten einschleppen. Sollte es dennoch in der Anfangszeit zu einer vorübergehenden Verknappung von Gütern und Lebensmitteln kommen, wird sich diese Gesellschaft kreativ zu helfen wissen. Die meisten sind wohlgenährt und halten das eine Weile durch.

Für Natios, die in den befreiten Stadtteilen wegen fehlender Bildung oder mangelnder Deutschkenntniss keine Verwendung finden und auf Unterstützung der Allgemeinheit angewiesen sind, werden spezielle Kompetenz-Zentren eingerichtet, in denen sie durch Arbeit frei sein dürfen. Zugfahrten dorthin werden verbilligt angeboten.

Einigen Natios werden die Maßnahmen nicht weit genug gehen und im internationalen Natiotum erweiterten Schutz suchen.
Falls das gelobte Mutterland des Rassismus – die USA – ein Willkommensgeld, Unterkunft und eine menschenwürdige Behandlung zusagt, werden wir Überfahrten bis zum Aufnahmelager Guantanamo in ausgemusterten Booten der Bundeswehr anbieten können, auch wenn die Gefahr besteht, dass Natios dort als Wirtschaftsflüchtlinge zunächst abgewiesen werden. Aber wenn es gut läuft, wird Deutschland nicht mehr als sicheres Herkunftsland für Natios angesehen werden können.

Für ein buntes Deutschland.