tiefsüß

tiefe Gnade süßer Tod
fühlte ich mich einst bedroht
scheint er heute wundervoll

komme lautlos angeflogen
letzter Schrecken sei betrogen
nächtens bestenfalls

von alltäglicher Mühsal befreit
kühl und dunkel alle Zeit
friedlich und still

all das Streben ist nur Hohn
wo bliebe denn der ganze Lohn
im Angesicht der Zeit

keine Angst mehr vor dem Sein
vor dem hellen falschen Schein
wahre Dunkelheit und dunkle Wahrheit

der Schmerz für immer sei versiegt
weil es einfach nichts mehr gibt
vom Weltenirrsinnn abgeschnitten

die alte Dame lächelt noch
– tiefsüß –
lohnt der nächste Tag sich doch?

 

Natios

Differenzieren, nicht verallgemeinern: Nicht jeder besorgte Bürger ist ein Nazi. Braun ist keine Farbe des Regenbogens, Braun ist eine Mischung. Dennoch möchte ich alle Nazis – alte wie neue, Pegidas, Asylkritiker, Fremdenangstler und Asylantenfürchter einmal in einen Topf werfen dürfen. Das ist nicht nur der bestiefelte Grölglatzkopf und das abgehängte, bildungsferne Prekariat. Es gibt sie überall. Im Grunde jeder, der das Wort ‚Wirtschaftsflüchtling‘ oder ‚Asylbetrüger‘ schon mal gedacht und so gemeint hat. Ich werde sie Natios nennen. Damit das Kind einen Namen hat.

Wir Deutschen mögen sie nicht.

Dennoch leben sie seit Jahrzehnten in unserem Land, mitten unter uns. Sie sind hier geboren und haben einen deutschen Pass. Deshalb können wir sie nicht ausweisen. Wohin auch? Niemand will sie haben.

Seit einiger Zeit nun machen Natios mit spektakulären und medientauglichen Aktionen auf ihre Bedürfnisse aufmerksam und rufen damit bei einem wachsenden Teil der Gesellschaft den Volkszorn wach, der sich erfreulicherweise immer lauter und deutlicher zu äußern vermag und wie eine bunte Welle durch das Land rollt.

Doch statt die rechtsnationale und/oder fremdenängstliche Gesinnung der Volksgenossen (zu Recht) als herzlos und falsch informiert zu diffamieren, sollten wir sie verstehen und sie ihrem Wunsch und ihren ureigenen Vorstellungen gemäß leben lassen. Schließlich sind sie unsere Nachbarn und Mitbürger. Noch ist Deutschland ein halbwegs freies Land, in dem sich jeder nach seiner Façon verwirklichen darf.

Wir beginnen damit, rechtes Hetz- und Schriftgut zu verbieten und die Verbreitung zu unterbinden. Im Zeitalter von eBooks und Internet wirken Bücherverbrennungen anachronistisch, aber ein Stapel des Natio-Propagandablatts BILD brennt sicher prima. Und für einen ordentlichen Fackelzug ist die traditionsbewusste Natio-Gemeinde sicher gern zu haben.

Um Natios besser vor den stetigen Übergriffen durch Fremdlinge zu schützen, müssen sie als solche erkennbar sein. Durch einen auffälligen, gelben Button zum Beispiel. Vielleicht mit einem Smiley – warum nicht? Das Tragen des Buttons ist selbstverständlich verpflichtend, da ansonsten der Schutz nicht zu gewährleisten ist. Wir gründen Schutz-Abteilungen mit chicen Uniformen. Philanthrope Schlägertrupps, die die Ordnung wahren, wodurch jeder Natio grundgesetzgemäß unantastbar würde.

Weiterhin etablieren wir ausländerfreie Stadtteile, in denen Natios angesiedelt werden und zu denen kein Fremder Zutritt erhält. Dort kann eine reindeutsche Natio-Ökonomie erblühen, die keine ausländischen Verunreinigungen zu fürchten braucht. Niemand wird dort Arbeitsplätze stehlen, kriminell sein oder Krankheiten einschleppen. Sollte es dennoch in der Anfangszeit zu einer vorübergehenden Verknappung von Gütern und Lebensmitteln kommen, wird sich diese Gesellschaft kreativ zu helfen wissen. Die meisten sind wohlgenährt und halten das eine Weile durch.

Für Natios, die in den befreiten Stadtteilen wegen fehlender Bildung oder mangelnder Deutschkenntniss keine Verwendung finden und auf Unterstützung der Allgemeinheit angewiesen sind, werden spezielle Kompetenz-Zentren eingerichtet, in denen sie durch Arbeit frei sein dürfen. Zugfahrten dorthin werden verbilligt angeboten.

Einigen Natios werden die Maßnahmen nicht weit genug gehen und im internationalen Natiotum erweiterten Schutz suchen.
Falls das gelobte Mutterland des Rassismus – die USA – ein Willkommensgeld, Unterkunft und eine menschenwürdige Behandlung zusagt, werden wir Überfahrten bis zum Aufnahmelager Guantanamo in ausgemusterten Booten der Bundeswehr anbieten können, auch wenn die Gefahr besteht, dass Natios dort als Wirtschaftsflüchtlinge zunächst abgewiesen werden. Aber wenn es gut läuft, wird Deutschland nicht mehr als sicheres Herkunftsland für Natios angesehen werden können.

Für ein buntes Deutschland.

Krokodil

Die meisten Tage sind ganz normal. Ein paar, seltene Tage sind genauso normal, aber ganz wenige davon sind ein wenig anders. Mitunter so wenig, dass man es kaum bemerkt. Nur, wenn man ganz genau hinsieht. Vielleicht war gestern einer dieser Tage.

Wie so oft wollte ich in meinem Lieblingscafe ein wenig Entspannung (oder auch Spannung) finden. Der Weg dorthin bei feinstem Sommerwetter – normal. Das Einbiegen in die wohlbekannte Seitenstraße – normal. Das Fahrrad abstellen und sorgfältig verschließen, von der warmen, sonnendurchfluteten Straße mit ihrer Hektik hinein in das kühle Dunkel der Caferäume im mediterranen Stil – normal, gewohnt, unauffällig, angenehm.

Vor der Theke findet sich meist eine kleine Warteschlange. Da man sich den Kaffee selbst dort bestellen und abholen muss und eben dieser ob der zu erwartenden Qualität mit großer Sorgfalt und dem damit verbundenen Zeitbedarf hergestellt wird, muss man ein wenig warten. Das ist nicht unangenehm, steigert es doch die Vorfreude. Ich hielt auf das Ende der Schlange zu. Sobald sich meine Augen etwas an das Dunkel gewöhnt hatten, entdeckte ich unmittelbar vor meinem Vordermann in der Schlange ein Krokodil, das dort feist auf dem Boden lag und durch seine beachtliche Körperlänge auch die Länge der Schlange deutlich streckte. Ich weiß nicht, ob auch in freier Wildbahn Krododile Schlangen strecken, aber hier war es so. Bei näherem Hinsehen konnte ich erkennen, dass so etwas wie der Rest eines Armes samt Hand leicht seitlich nach vorn gestreckt aus dem beeindruckend zahnbewehrten Maul des Krokodils ragte. Ohne mich festlegen zu wollen, vermutete ich dem ersten Anschein nach, dass es sich um eine Männerhand mittleren Alters handelte. Offenbar hatte das Krokodil erst kürzlich einen Platz in der Schlange gutgemacht. Nun muss ich dazu sagen, dass Krokodile in meinem Lieblingscafe nicht häufig anzutreffen sind und so sehr ich auch mein Gedächtnis bemühte fiel mir kein weiterer Fall dieser Art ein. Das Krokodil sah nicht unzufrieden aus.

Manchmal wundere ich mich über das, was mir in ungewöhnlichen Situationen durch den Kopf schießt. Dieses Mal nicht. „Oh, ein Krokodil!“ traf mich der Geistesblitz aus heiterem Himmel und schlug bis auf mein Zwerchfell durch, so dass ich leicht grinsen musste. Das passte nicht zur Situation. Als hätte es meine Gedanken gelesen, drehte das Krokodil seinen Kopf leicht zu mir um und rollte mit den gelben Augen, so dass ich jetzt seine Gedanken lesen konnte: „Schon wieder so ein Oh-ein-Krokodil-Typ, Spießer.“ dachte es. Ich konnte es deutlich sehen und schämte mich ein wenig für meine Einfältigkeit, für die ich nun von einem Krokodil mit einem Gehirn von der Größe einer Walnuss despektiert wurde. Den Blick des Krokodils hatte auch mein Vordermann bemerkt und er sah sich ebenfalls zu mir um, als wollte er sagen: „Schon blöd, wenn Krokodile mit den Augen rollen, nicht wahr?“

Nachdem ich zu alter Geistesschärfe zurückgefunden hatte, stellte ich mir in dieser Situation sofort zwei vitale Fragen:

1.) Sind Krokodile ungefährlich, wenn sie satt sind? Bei Löwen ist das so, aber aus Löwen macht man keine Handtaschen, so dass man es nicht vergleichen kann.

2.) Viel entscheidender: Wann ist ein Krokodil satt? Reicht ein Mann mittleren Alters, um den größten Hunger zu vertreiben? Vielleicht hat sich das Krokodil den Mann mit seiner Frau – also der Frau des Krokodils, nicht des Mannes – teilen müssen, und sie ist nur gerade zur Toillette während ihr Krokodilsgemahl den Platz in der Schlange freihält? Vorsichtig schiele ich zur Toillettentür mit dem Messingschild, das ein kleines Mädchen zeigt. Oder war es ein sehr kleiner Mann, der schon zu Lebzeiten als Halbe Portion betitelt wurde, wenn auch nur hinter seinem Rücken? Das Krokodil war noch nicht der Erste in der Schlange und somit auch nicht an der Reihe, etwas zu bestellen. Naheliegende Fragen wie „Was bestellt ein Krokodil in einem Cafe?“ (Zebratorte?) beschäftigten mich weniger als die sorgfältige Erwägung, dass das Krokodil weiteren Nahrungsbedarf schließlich am besten mit Hilfe vor ihm in der Schlange befindlicher Personen stillen konnte, was ihm einen doppelten Vorteil eingebracht hätte: Satt und dem Dessert näher. Und müsste mein Vordermann sich nicht mehr Sorgen machen als ich? Der aber spielte mit seinem Smartphone und sah unbesorgt aus. Das erschien mir so überzeugend, dass ich in Ruhe abwarten konnte, bis ich an der Reihe war und mir meinen Kaffee bestellen konnte. Ich entschied mich für eine große Tasse mit etwas Milch.

Damit setzt ich mich zufrieden zu dem Affen an den Tisch am Fenster und las etwas in der dort ausliegenden Zeitung, die aber über nichts als einen völlig normalen Tag zu berichten wusste.

Tango? Ein Jahr.

Tango? Ich? Verrückte Idee. Wie kommt man denn auf sowas? Doch der Gedanke ist wahrscheinlich älter als ich vermute. Immer wenn ich auf einer Hochzeit, einem 40/50ten oder einem Schützenfest mit unterdrückten Tränen der Wut zu Discofox gezwungen wurde, dachte ich heimlich und im Stillen: Tango könnte gehen. Das hat etwas, so etwas Ruhiges, Erhabenes. Natürlich ohne jemals einem Tango auch nur zugesehen zu haben. Nur so eine unbestimmte, vage Ahnung von etwas, das von einem mystischen Hauch umwogen ist. Oder weil das Wort so schön klingt: Tango.

Aber an einem Sonntagnachmittag, an dem sonst so gar nichts passieren wollte, bot sich dieser Schnupperkurs ganz in der Nähe an – und ich ging hin.

Voreinander hinstellen – Übungshaltung – und dann losgehen. Ich vorwärts, sie rückwärts. Aha. Wohlan denn! Gehen wir mal los.

Ein Schritt … das war’s! Vielleicht war es nicht der erste Schritt, sondern die ersten fünf. Oder die ersten fünf Minuten. Ich weiß es nicht mehr. Jedenfalls war ich gefangen. Ein Schritt im Tango war kein Schritt, wie ich ihn kannte. Er war so wuchtig, zwingend, war so bewusst, war greifbar, plastisch, warm, hatte eine Konsistenz wie Karamell, das leicht erwärmt langsam gerührt wird. Wenn ich wollte, roch er sogar wie Karamell. Und er schmeckte nach mehr.

Vorerst blieb es dabei und bis zum ersten Kurs dauerte es noch eine ganze Weile. Unentschlossen wie es Männer im Allgemeinen und ich im Speziellen nun mal sind, wurde ich von meiner Partnerin letztendlich dazu gezwungen: „Ich fahre jetzt los und erwarte dich um 19:00 vor Ort“ waren ihre Worte, die keinen Widerspruch duldeten und für die ich ihr heute dankbar bin (das „verdammt nochmal“ und weitere Beschimpfungen danach werden aus Gründen der Contenance hier nicht zitiert). Ohne es zu ahnen hatte ich bei meinem ersten Schritt einen heiligen Pakt mit dem Geheimbund der Tangolehrer geschlossen, der mich noch etwas kosten sollte.

Die ersten Figuren waren schnell gelernt. Ein Ocho, vielleicht ein Kreuz. Der Erfolg machte mutig und bald sollte es zur ersten Milonga gehen. Kaum ein Vierteljahr später (Thema: Entschlossenheit, s.o.) war es auch schon so weit. Hinaus in die Wildnis, spielen mit den großen Kindern. Während das Tanzen selbst ob der Aufregung merklich hinter die Kursleistung zurückfiel, tauchten ganz neue Dinge auf. Ungeschriebene Gesetze, deren Nichteinhaltung wenig nachsichtig geahndet wurde. Tandas? Tanzlinien? Und es gab gar nicht mehr so viel Platz! Das ohnehin knappe Repertoire brach noch einmal zusammen und schuf damit Raum für Verzweiflung. Kurz: Es war schlimm.
Aber es war mein erster Fußabdruck auf dem Tangomond. Ein kleiner Schritt für mich, ein großer Sprung für die anderen. Nämlich zur Seite, wenn sich geballte 90kg Mann (all muscles, no fat) mit ein bisschen Frau davor in einer wilden Mischung aus Eishockey und Straßenkarneval in Rio über den Tanzboden frästen.
Und es gab noch so viel zu lernen: Sandwich, Nacho, Tortilla, Colgate, Avocado, Ocho Mortale, Enchilada – oder wie auch immer das alles heißt.

Nachdem ein wenig Routine mehr Sicherheit gebracht hatte, wartete schon die nächste Hürde: Fremde Frauen auffordern! Diese kleinen, bösen Wesen aus einer anderen Welt, vor denen ich mich schon im Kindergarten gefürchtet hatte. Das bisschen Mut, eben noch für 50 Cent aus dem Kaugummiautomaten gezogen, versagte völlig, als ich die Angebetete mit einem dieser verdammten Supertänzer über die Tanzfläche gleiten sah. Wie konnte ich denn da mithalten?
Aber zum Glück gibt es den Cabeceo. Cabeceo bedeutet, dass man auf gar keinen Fall niemals nicht jemanden freundlich anlächeln oder auch nur anschauen darf. Doch bevor man lernt, sich mit auf den Boden gesenktem Blick in einer möglichst dunklen Ecke unsichtbar zu machen, hat der Unerfahrene schon versehentlich jemanden aufgefordert. Atemstillstand, Blutsturz, Schweißausbruch. Und vor allem: Völlige Leere im Kopf! Und Angst. Zu meiner Überraschung: Es war gar nicht so schlimm! Die erwartete Blamage blieb aus. Stattdessen Anerkennung für das in der kurzen Zeit Erlernte, und dass es schön gewesen sei. Die Frauen sagen oft, dass sie die tollen Figuren gar nicht brauchen und dass eine gute Umarmung viel mehr wert sei, aber ich glaube ihnen nicht ganz. „Du warst echt toll, wirklich!“ ist doch sonst auch immer gelogen. Vielleicht stimmte es aber doch ein klein Wenig. Zwar gab es keine zweite Tanda, soweit ging es dann doch nicht und ich hätte sie ob totaler Erschöpfung auch nicht überlebt. Aber schön war’s.

Dann dieser Abend. Schon etwas später, nicht mehr voll und ein schöner, langsamer Neotango. Ich hatte vorher schon mit ihr tanzen dürfen (versehentliches Cabeceo), einer sehr eleganten Tänzerin. Aber dieses Mal – war es anders. Die Schritte und Figuren vergessen, keine Angst vor dem Fehlschlag. Alles um mich herum war weit weg, ich war im Hier und Jetzt. In einem eigenen Hier, einem eigenen Jetzt. Unbekannt, unerwartet, weich, warm, schön, aus einem Stück. Erotik 2.0! (Der geneigte Leser möge an dieser Stelle 20 Sekunden mit geschlossenen Augen innehalten.) Das war wohl mein erster Tangasmus. Von einem Discofoxasmus habe ich noch nie gehört!

Und heute? Nach Kursen, Workshops und Camps: Noch immer bestaune ich ungläubig – leider meist bei anderen – das perfekte mechanische Ineinandergreifen von Sacadas und Ganchos wie bei den Transformers. Den Variantenreichtum von Volcadas und Colgadas, der schlichten, physikalischen Notwendigkeiten folgt. Das stille, genaue Führen mit subliminaler Kommunikation.

Aber das ist es nicht.

Wenn sich ein Schritt aus der festen Verwurzelung im Boden mit der unaufhaltsamen Gewalt eines Erdbebens in den Impuls für die Partnerin übersetzt, die dem willig zu folgen vermag. Wie ein behutsamer Riese, der die feinste Nuance achtsam wahrnimmt und jederzeit bereit ist, seine Kraft zurückzunehmen, umzuleiten, und sicher stehend anzukommen. DAS ist es.
Meist trägt meine Urgewalt noch ein rosa Kleidchen und glitzernde Schleifchen im Haar, aber sie wohnt schon bei mir und darf manchmal hinaus zum Spielen.
Kraftvolles, geduldiges Führen ohne Zwang, wohlmeinendes Folgen mit selig geschlossenen Augen (was die Damen im Alltag gern vermissen lassen), Kommunikation ohne Worte, Nähe, Achse, Balance. Ein Traum.

Findet mich auf dem Parkett – ihr werdet was erleben!