Tanz

von Jörg Plewe

Mit Kunst habe ich nicht viel am Hut. Bisher jedenfalls. Hatte ich nie. In letzter Zeit gucke aber schon mal – ein wenig über den Tellerrand. Mitunter bis zum Horizont.
Dieses Mal – als mir ein bedrohlich einsamer Abend bevorstand – habe ich mir modernen Ausdruckstanz vorgenommen. Kennt man ja so nicht. Wenn das überhaupt der richtige Begriff für das ist, was ich zu hören und sehen bekam.

Carré 18
Kaiser Antonino Dance Ensemble

Ein dunkler Raum. Ein aus weißer Folie bestehendes Quadrat, die 40 Zuschauer auf Stühlen an den Seiten. In der Mitte ein 2×2 Meter großes Podest aus gestapelten Büchern. Die Tänzer – vier kleine, schlanke Männer in Schlabberhosen und Socken – fingen mit etwas an, das sich mir nur schwerlich als Tanz offenbarte. Skurril zuckende Körper, so ganz anders als ich das aus Flashdance kenne. Auch dachte ich immer, Tanz und Musik gehörten irgendwie zusammen. Wie spießig. Es gab Geräusche, die entfernt ‚Sur le pont d’Avignon‘ vermuten ließen.

Aber wieso? Was will mir der Künstler sagen? Ist das eine Geschichte? Gibt es eine Botschaft? Ist das ästhetisch? Warum ist es so und nicht anders? Was soll das?

Mein Stino-Gehirn war schnell überfordert und tat das, was es in solchen Situationen immer gern tut: Es schlief ein.

Aber nur kurz. Wieder aufgewacht begann ich zu verstehen. Oder besser: Ich hörte auf zu verstehen. Verstehen zu wollen. Ich ließ das Dargebotene ungefiltert durch. Wenn man so will, guckte und lauschte ich jetzt mit dem Stammhirn, dem Bauchhirn und dem Rückenmark. Meinen Frontallappen nutze ich nur noch um die Kraft und Beweglichkeit der Tänzer zu erkennen, die Präzision und den Einsatz bei der Darbietung zu bewundern und mich zu fragen, wie man sich das alles merken kann. Nichts war zufällig. Exaktes Timing und Zusammenspiel. Toll.
Der Rest ging durch an die Seele. Ohne das Stellen der Sinnfrage wurde es zum Genuß. Die Abläufe fanden Form, Balance und Rhythmus, teilweise Witz. Ich brauchte keine Antwort mehr auf Fragen, die ich nicht gestellt hatte.
Letztlich wurde der Raum von der Tänzern mit Fäden durchzogen, vor und zurück, die Zuschauer hielten die Wendepunkte in der Hand. Das war dann ein wirklich schönes Bild und ein gelungener Abschluß.

Ich würde es mir wieder ansehen.