Wenn einer eine Reise tut…

… und mit der Bahn fährt, dann ist das Abenteuer garantiert. Eine routinierte, ungeliebte Geschäftsreise aus dem Ruhrgebiet nach Basel. Ich habe schon verschiedene Reisemittel ausprobiert. Mit dem Auto ist es am einfachsten. Aber nach spätestens einer Stunde Fahrt verliert man Lust und Geduld und glaubt, diese Reise wird niemals enden. Nach zwei Stunden ist es dann nur noch anstrengend.
Mit dem Flugzeug … eine knappe Stunde Flugzeit, doch das drumherum bringt mich um. Mit dem Bus zum Bahnhof, mit dem Zug zum Flughafen, frühzeitig dort sein, einchecken, einmal halb ausziehen, kurz fliegen (was immer wieder schön ist, wenn man – wie ich – Wolken liebt), Taxi suchen und mit dem Taxi fahren. Dauert auch so seine Zeit und ist doch am Ende stressig.
Bleibt die Bahn. Hab sie schon zweimal benutzt. Jedes mal nur eine gute Stunde Verspätung. Meist war der Reiseplan inklusive der Reservierungen schon am Startbahnhof Makulatur.
Aber heute sah es doch so gut aus! Die Regionalbahn immerhin so pünktlich, dass man den ICE erreichen konnte, dessen Verspätung sich auch noch in Minuten messen ließ. Es konnte kaum noch etwas schief gehen. Doch dann: Halt auf offener Strecke zwischen Siegburg und Frankfurt. ‚Notarzteinsatz am Gleis‘. Man weiß, was das bedeutet. Tragisch, und ich bin froh, im Zug zu sitzen und nicht an einem kalten Novembermorgen in Stücken davor zu liegen.

Es gibt ein Durchsage, das Gleis sei unbefahrbar und es geht zurück nach Köln, um die Ausweichstrecke auf der anderen Rheinseite anzusteuern. Verspätung: Mindestens zwei Stunden.
Die Reisenden reagieren gelassen. Die Bahn kann nichts dazu, das ahnt man wohl. Der Anlass hat sich der Konsequenz entzogen und taugt nicht mehr als Ziel von Erregung und Wut. Höhere Gewalt murmelt der ein oder andere. Dabei war keine Gewalt im Spiel und es kommt mir auch alles andere als ‚hoch‘ vor. Das große Telefonieren geht los, Termine werden verschoben, Treffpunkte verlegt.
Mitgefühl mit dem Suizidanten erkenne ich nicht. Was mag wohl in ihm vorgegangen sein, während ich im Zug saß? Frohsinn und Heiterkeit war’s wohl nicht.

Aber auch wir Reisenden haben es natürlich nicht leicht. Daher gibt uns die Bahn im Zugrestaurant einen aus. Ich genieße meinen koffeinfreien Kaffee und beobachte das Zugpersonal hinter der Ausgabetheke. Die Verlockung kostenloser Snacks hat Scharen angelockt. Das Personal ist überfordert und hektisch, die Snacks schnell vergriffen. Interessanterweise reagiert das Personal mit alberner Heiterkeit beinahe euphorisch auf genervte Passagiere. Die Zugbegleiterin plappert ohne Unterlass und ich erfahre Details ihrer jüngsten Krankengeschichte, ohne die ich durchaus hätte weiterleben können. Ich frage mich, wie diese Reaktion wohl zustande kommt, finde aber keine Erklärung. Ich werde wohl mal einen Psychologen fragen.

Ich Reise mit der Bahn und verspäte mich massiv. Wie immer. Ach ja, und es gibt einen Menschen weniger.

Kunst und die lange Nacht

Zu Köln gab es die lange Museumsnacht, die den Besuchern den Eintritt in alle Museen bis tief in die Nacht ermöglichte. Nun sind es viel zu viele Museen, um alle zu besuchen. Eine Entscheidung war angezeigt. Technik und Geschichte oder Kunst? Mit Kunst hatte ich noch nie etwas am Hut. Aber da ich mir vorgenommen habe, mein Leben zu verändern und meine Spiritualität sich bereits seit einiger Zeit von hinten anschleicht, sollte es Kunst sein!

Kunst …Bilder … bisher war das für mich nur ein Quadratmeter bemalter Pappe. Nur zweidimensional und – einmal fertiggestellt – unveränderlich und ohne weitere Abwechslung. Hat man es einmal gesehen, weiß man, wie es aussieht und es gibt absolut keinen Grund, sich so etwas in die Wohnung zu hängen. Ganz zu schweigen davon, dafür auch noch Geld auszugeben. Klar, die Kunstfertigkeit gerade der naturalistischen Maler ist beeinruckend, aber mit den Fähigkeiten einer Digitalkamera für 100€ doch nicht zu vergleichen. Ein Bild von etwas. Sonst nix.
Ich konnte auch nie eine Botschaft oder ein ‚was will mir der Maler damit sagen‘ entdecken, außer einigen Universalsweisheiten wie ‚Krieg ist schlecht‘ oder ‚Liebe ist schön‘ vielleicht. Das war mir zu profan.

Aber ich war nun gewillt, mich der Überprüfung meiner alten Klarheiten zu stellen. Also auf und rein in den Kasten, wo die vielen Bilder hängen.
Das Publikum war an diesem Abend recht gemischt. Es gab die stereotypen Sakko-Schal-Träger mit ihrer zur Schau getragenen Weltmännischkeit und ihrem Kunstverstand. Es gab die verträumten Pseudointellektuellen, die die Kunst in ihrer Gesamtheit erfassen und begreifen wollen und dabei förmlich in Demut dahinschmelzen. Und es gab ganz normale Menschen die Bilder gucken wollten. Und dazwischen ich – der kleine Jörg mit seiner defätistischen Weltsicht auf der Suche nach dem eigenen Selbst. Und ich war bereit, die Dinge heute mal anders zu sehen.

Mich störte immer die Willkür, mit der Künstler walten. Es gibt kein Argument, warum ein Bild eher rot ist. Und nicht grün oder gelb oder braun oder rosa oder sonstwie. Kein Denkprozess führt zu einer solchen Entscheidung, sie ist nicht zwingend, lässt sich nicht ableiten. Das erschien mir stehts billig. Beliebig und damit nicht achtenswert. Es gibt aber auch eine andere Perspektive. Mir stellte sich die Frage nach der Willkür. Gibt es sie überhaupt? Kann ein Mensch willkürlich handeln?
Möglicherweise nicht. Wenn der Maler die Farbe wählt, wird er – so stelle ich mir vor – gar nicht entscheiden. Er wird es einfach wissen. Er will nicht Kür. Keine Kür des Willens. Er weiß es einfach, aus dem Bauch. Man sieht einen Augenblick seiner Gefühle. Es ist ein Fenster in sein Inneres, für den Augenblick, als er gemalt hat.

Auf der anderen Seite steht der Betrachter. Also ich. Oder du. Das Wissen um das Fenster in des Malers Seele stellt keine Verbindung zwischen ihm und mir her, weil sich das gemalte Gefühl nicht deuten lässt. Was bedeutet blau? Keine Ahnung, und egal. Es braucht keine Verbindung. Weil keine Botschaft transportiert wird. Das Auge erzeugt beim Ansehen sein eigenes Gefühl, das für sich steht. Ich konnte sogar Erotik empfinden. Ausgehend von einem Quadratmeter bemalter Pappe.

Insgesamt ein lehrreicher Abend. Ich habe noch andere Dinge gesehen. Videos, Klangkunst, Installationen. Das erschließt sich mir nicht, zu schnell und zu flüchtig. Ich bleibe lieber beim Wort und nehme jetzt noch das Bild dazu mit auf.

Julie&Julia

Ich sehe gerade Julie&Julia im Fernsehen. Der Film erzählt die Geschichte zweier Frauen zu verschiedenen Zeiten. Beide Frauen sind reale Persönlichkeiten: Julia Child, eine überaus erfolgreiche Kochbuchautorin, und Julie Powell, die 60 Jahre später auf Julias Kochspuren wandelt und über das Bloggen am Ende selbst zur Schriftstellerin mutiert. Aber ich will hier nicht den Film und seinen Inhalt nacherzählen. Es geht um etwas anderes.

Der Film hat mir Spaß gemacht. Es ist schön zu sehen, wie jemand mit den eigenen Talenten und – wichtiger – der eigenen Leidenschaft!! am Ende erfolgreich ist. Dabei ist der Erfolg nicht das Entscheidende. Bereits der Weg dorthin ist erfüllend. Jeder Tag eine neue Herausforderung. Und gleichzeitig ungeduldiges Warten auf den nächsten Tag. Freude am eigenen Tun, Lust auf das Ergebnis, sich wohl fühlen, weil es leicht von der Hand geht. Ganz bei sich selbst sein. Ein inneres Ziel haben. Das tun, wofür man lebt, das leben, was man tut.

Gleichzeitig macht mich der Film aber auch nachdenklich. Wenn ich mein eigenes Leben damit vergleiche. Welches Ziel verfolge ich eigentlich? Habe ich Freude an dem, was ich tue? Oder geht es nur um eine Zahl auf einem Konto?

Und du?? Wie ist es mit dir? Ist das, was du täglich tust das, was du tun willst? Das, was du erreichen willst? Das, was du besonders gut kannst?

Wenn du am Fließband stehst?
Wenn du Versicherungsanträge bearbeitest?
Wenn du eine Abmahnung schreibst?

Ich denke, kaum jemand heute wird auf diese, richtige Weise leben und arbeiten. Arbeiten können. Arbeiten dürfen. Ein jeder verfolgt – gezwungenermaßen – die Ziele anderer. Man tut es, weil der Chef es so will.
Das Tragische dabei: Die Ziele der anderen sind auch nicht deren eigenen! Das ist ein endlose Kette aus Ziel-Weitergaben, die sich am Ende vielleicht sogar zu einem Kreis schließt? Das ist unmenschlich. Wir leben ein unmenschliches Leben. Jedenfalls die meisten von uns.

Ich beneide die beiden Frauen. Du auch?

Warum tun wir nicht das, was wir wirklich tun wollen? Warum streben wir nicht einmal mehr danach? Aufgegeben?
Oder lassen wir uns ablenken und trösten? Mit einem neuen Auto? Einem schönen Urlaub? Fußball vor dem Fernseher? Einem Besuch im Kino, bei dem wir Julie&Julia zusehen können, wie sie das Leben leben, das wir uns wünschen?