Kunst und die lange Nacht

von Jörg Plewe

Zu Köln gab es die lange Museumsnacht, die den Besuchern den Eintritt in alle Museen bis tief in die Nacht ermöglichte. Nun sind es viel zu viele Museen, um alle zu besuchen. Eine Entscheidung war angezeigt. Technik und Geschichte oder Kunst? Mit Kunst hatte ich noch nie etwas am Hut. Aber da ich mir vorgenommen habe, mein Leben zu verändern und meine Spiritualität sich bereits seit einiger Zeit von hinten anschleicht, sollte es Kunst sein!

Kunst …Bilder … bisher war das für mich nur ein Quadratmeter bemalter Pappe. Nur zweidimensional und – einmal fertiggestellt – unveränderlich und ohne weitere Abwechslung. Hat man es einmal gesehen, weiß man, wie es aussieht und es gibt absolut keinen Grund, sich so etwas in die Wohnung zu hängen. Ganz zu schweigen davon, dafür auch noch Geld auszugeben. Klar, die Kunstfertigkeit gerade der naturalistischen Maler ist beeinruckend, aber mit den Fähigkeiten einer Digitalkamera für 100€ doch nicht zu vergleichen. Ein Bild von etwas. Sonst nix.
Ich konnte auch nie eine Botschaft oder ein ‚was will mir der Maler damit sagen‘ entdecken, außer einigen Universalsweisheiten wie ‚Krieg ist schlecht‘ oder ‚Liebe ist schön‘ vielleicht. Das war mir zu profan.

Aber ich war nun gewillt, mich der Überprüfung meiner alten Klarheiten zu stellen. Also auf und rein in den Kasten, wo die vielen Bilder hängen.
Das Publikum war an diesem Abend recht gemischt. Es gab die stereotypen Sakko-Schal-Träger mit ihrer zur Schau getragenen Weltmännischkeit und ihrem Kunstverstand. Es gab die verträumten Pseudointellektuellen, die die Kunst in ihrer Gesamtheit erfassen und begreifen wollen und dabei förmlich in Demut dahinschmelzen. Und es gab ganz normale Menschen die Bilder gucken wollten. Und dazwischen ich – der kleine Jörg mit seiner defätistischen Weltsicht auf der Suche nach dem eigenen Selbst. Und ich war bereit, die Dinge heute mal anders zu sehen.

Mich störte immer die Willkür, mit der Künstler walten. Es gibt kein Argument, warum ein Bild eher rot ist. Und nicht grün oder gelb oder braun oder rosa oder sonstwie. Kein Denkprozess führt zu einer solchen Entscheidung, sie ist nicht zwingend, lässt sich nicht ableiten. Das erschien mir stehts billig. Beliebig und damit nicht achtenswert. Es gibt aber auch eine andere Perspektive. Mir stellte sich die Frage nach der Willkür. Gibt es sie überhaupt? Kann ein Mensch willkürlich handeln?
Möglicherweise nicht. Wenn der Maler die Farbe wählt, wird er – so stelle ich mir vor – gar nicht entscheiden. Er wird es einfach wissen. Er will nicht Kür. Keine Kür des Willens. Er weiß es einfach, aus dem Bauch. Man sieht einen Augenblick seiner Gefühle. Es ist ein Fenster in sein Inneres, für den Augenblick, als er gemalt hat.

Auf der anderen Seite steht der Betrachter. Also ich. Oder du. Das Wissen um das Fenster in des Malers Seele stellt keine Verbindung zwischen ihm und mir her, weil sich das gemalte Gefühl nicht deuten lässt. Was bedeutet blau? Keine Ahnung, und egal. Es braucht keine Verbindung. Weil keine Botschaft transportiert wird. Das Auge erzeugt beim Ansehen sein eigenes Gefühl, das für sich steht. Ich konnte sogar Erotik empfinden. Ausgehend von einem Quadratmeter bemalter Pappe.

Insgesamt ein lehrreicher Abend. Ich habe noch andere Dinge gesehen. Videos, Klangkunst, Installationen. Das erschließt sich mir nicht, zu schnell und zu flüchtig. Ich bleibe lieber beim Wort und nehme jetzt noch das Bild dazu mit auf.