2. Schultag

von Jörg Plewe

Informatik AG, 2. Tag
(1. Schultag)

Der zweite Tag und schon hatte mich die Bande am Abgrund. Eigentlich hatte ich mich selbst an den Abgrund gestellt. Es gab technische Probleme mit der Computerinstallation der Schule. Der verdammte Virenscanner konnte sich partout nicht mit der Software anfreunden, die ich für das Vorhaben der Stunde dringend brauchte. Panik!

Dieses Mal sind weitere Schüler gekommen. Das freut mich natürlich, da ich heimlich befürchtet hatte, dass ich nach dem Erlebnis der ersten Stunde ganz allein dort stehen würde. Höchststrafe! Das jähe Ende einer Pädagogenkarriere.
Aber nun waren sie ja alle da! Die Freude darüber wurde von der Panik abgelöst, wie ich sie unterhalten sollte, wenn ich das mit der Software nicht in den Griff bekomme. Eine Doppelstunde komplett aus dem Ärmel schütteln? Nicht so leicht für einen Anfänger.
Zum Glück geht es dann doch – ich bin schließlich IT-Profi. Während meiner Versuche haben sich die Schüler bereits an die Maschinen gesetzt und daddeln lustig drauf los. Ich beobachte aus dem Augenwinkel, was sie so treiben. Harmlose Spiele, keine Pornos. Eine Sorge weniger. Und ich weiß jetzt, wie ich sie im Falle meines Blackouts unterhalten kann: Ich muss einfach nur gar nichts tun und mich still verhalten. Lehrer sein kann so einfach sein!
Gleichzeitig erkenne ich mein nächstes Problem. Die Jungs – kein Mädchen dabei – sind verdammt fix und versiert im Alltagsumgang mit den Kisten – besonders was Browserspiele angeht. Das gilt es unter Kontrolle zu bringen!

So – Software bereit, es kann losgehen. Ich muss sie erst einmal von den Spielen losreißen und auf mich fokussieren. Ich lasse ein wenig die letzte Stunde rekapitulieren, damit die Neuen mitkriegen was läuft. Dabei merke ich, dass ich selbst zuviel rede. Und die Neuen raffen nix. Wie auch, das war abstrakt, eine Entwicklung, schwierig genug für die, die dabei waren.

Egal, heute sollte es etwas praktischer werden. Irgendwas eintippen und die Maschine reagiert. Das sollte doch wohl Spaß machen. Sich dabei langsam an Bits&Bytes heranschleichen und sehen, wie so ein Ding funktioniert.
Aber die Jungs sind nicht zu bremsen. Anstatt meiner weisen Einführung zu folgen, tippen sie einfach mal drauf los, irgendwas, das ihnen grade durch den Kopf geht. Was ein Computer ihrer Meinung nach verstehen müsste. Einfach so. Die sind ja so schön unbefangen und teilen mir ihre Erfahrung auch ungefiltert mit. „Hier steht jetzt Error, was soll ich machen?“. Warten, und das tun, was ich Vorschlage. Der Drucker fängt an zu drucken. Warum auch immer. Haufenweise leere Seiten. Ich selbst habe keine Ahnung, wie man das macht, aber irgendwer hat es wohl rausbekommen. Rechts daddelt schon wieder einer.
Es ist schwer, diesen Hühnerhaufen … äh … Hähnchenhaufen auf Linie zu bringen. Was ich erzähle, ist einfach zu uninteressant, zu langsam, zu unspektakulär. Aber nunmal die Grundlage, ohne die geht es nicht weiter. Da fehlt noch das Konzept.

Ich merke den Unterschied zwischen neun und dreizehn Schülern deutlich. Vielleicht ist zehn so eine magische Grenze. Ein Schüler pro Finger.
Nicht so einfach, die Unterschiede auszugleichen. Irgendwer wird immer dem Daddeln anheim fallen. Mal schauen. Ich habe schon einen Plan, wie ich sie drankriege!

Ich muss noch viel lernen. Aber die auch!