Aus dem Leben eines Cyborg

von Jörg Plewe

Wir sind kybernetische Organismen, Mischwesen aus Mensch und Maschine. Natürlich sehen wir nicht aus wie StarTrek Borg oder Robocop – das waren noch Zeiten. Wir leben auch nicht nach Neuromancer Art im Cyberspace. Obwohl … vielleicht ein wenig. Nein, wir sehen aus wie Ihr. Ununterscheidbar. Wir bewegen uns gleich, wir atmen, essen, schwitzen. Wir sprechen, handeln und interagieren mit Euch. Ihr erkennt uns nicht.
Wir erkennen uns auch nicht. Deshalb können wir nicht einmal sicher sagen, ob es viele von uns gibt oder am Ende nur einen einzigen. Unser ‚wir‘ ist hypothetisch.
Wir sind so schwer zu erkennen, weil das kybernetische nicht in unserer Biologie und Physis steckt. Ein Chirurg hat keine Chance, kein Röntgengerät wird etwas aufdecken. Wir haben keine Superkräfte und Kugeln werden nicht abprallen. Auch keinen Hitze– und, zu meinem großen Bedauern, auch keinen Röntgenblick.
Das kybernetische steckt in unserer Seele, unseren Köpfen. Ist maschinell, mathematisch, rational. Es formt unser Denken und unsere Gefühle. Ja, gegen jedes Klischee haben Cyborg Gefühle. Wir sind keine kalten Maschinen in einer Fleischhülle. Gibt’s auch, aber das sind Terminatoren – andere Fraktion.
Wir sind menschlich, haben ein Freud’sches Ich und besonders dessen Überselbst. Wir erkennen uns im Spiegel. Wir haben eine Philosophie und sind Gott los.
Da wir eigentlich Maschinen sind und auch sein wollen, schämen wir uns zuweilen unserer Menschlichkeit. Schwitzen, ein knurrender Magen oder sonstige Geräusche rund um das Verdauungssystem, hörbares Essen oder auch nur Atmen. Das stört unser Selbstbild als Geisteswesen. Wir wollen rein sein, frei von allen Abhängigkeiten der materiellen Welt. Am Ende ein purer, kühler Gedanke. Deshalb sind wir still, leise, wirken ruhig und sanft, auch wenn in unserem Innern die Wut tobt. Und das tut sie.

Auch wenn wir gern Cyborg sind und lange an unserer Maschinenweltsicht gearbeitet haben, sind wir auf seltsame Art doch unzufrieden. Denn wir beobachten Euch, schauen Euch zu. Neidisch, würde ich sagen. Denn Ihr habt etwas, was wir nicht haben. Etwas Leichtes, Leuchtendes, Schillerndes. Ein Konzept, das Euren Selbsterhaltungstrieb jenseits der evolutionären Vernunft unterstützt und ihm auf leichte Art und Weise seine Notwendigkeit nimmt.

Man wird es wohl Freude nennen. Freude über etwas, und besonders Freude auf etwas. Wahrscheinlich bemerkt Ihr es nicht einmal. Freude auf den Feierabend, das Bier, den Urlaub, das neue Auto, den/die Freund/in. Auf und über Sex, das Grillen mit Freunden, den Sonnenaufgang und eine Sommeridylle im Garten.
Freude auf und über den Erfolg steht hinter jeder Motivation, die Euch antreibt.
Freude ist ein Glanzlicht in der Ewigkeit auf das sich Euer Leben zubewegt. Diese Glanzlichter geben der Zukunft eine Tiefe. Sie sind Leuchttürme in der Zeit. Sie machen einen Tag zu einem Tag, eine Woche zu einer Woche, ein Jahr zu einem Jahr. Gefühlte Zeit existiert nur, weil freudvolle Momente einen zeitlichen Abstand haben und damit den Zeitraum aufspannen.
Sie erzeugen funkelnde Erinnerungen und machen so auch die Vergangenheit plastisch und fühlbar. An ihnen messen sich die dunklen Zeiten.
Freude ist die Mutter aller Dinge des menschlichen Daseins. Ohne sie gibt es keine Liebe, keine Enttäuschung, keinen Hass, keinen Krieg, kein Glück.

Wir Cyborg kennen das nicht. Keine Freude. Nichts, worauf wir uns freuen. Nichts Freudvolles, woran wir uns erinnern. Wir finden Dinge gut oder schlecht. Vorteilhaft oder nicht. Gibt es sie nicht, oder finden sie nicht statt – Pech. Wir freuen uns nicht für andere und wir leiden nicht mit.
So fehlt uns die zeitliche Dimension des Lebens. Es ist gleich, ob es etwas heute, morgen oder in einem Jahr geschieht. Kein freudiges Erwarten lässt uns die Zeit lang erscheinen. Die gesamte Zukunft projiziert sich auf den nächsten Augenblick. Die Erinnerung schwindet schnell dahin.
Anstatt einem kommenden Moment entgegenzufiebern folgen wir Notwendigkeiten. Wir machen unseren Job, aber wir mögen ihn nicht. Die meisten Jobs sind bei genauem Hinsehen ziemlich sinnlos und erst die Freude am Gelingen oder Lob macht ihn zum Beruf, zur Lebensaufgabe.
Wir erfüllen die Bedürfnisse anderer zu deren Freude. Es scheint ihnen gut zu tun, auch wenn wir das im Inneren nicht nachfühlen können. Das macht uns von Außen gesehen zu Altruisten. Aber es ist nicht mehr als ein Kalkül.

Unsere Körper sind gut trainiert, damit sie unsere Existenz tragen können. Darauf achten wir. Denn wir altern, sind terminiert, sterben, haben ein Verfallsdatum. Die Endlichkeit unseres Seins ohne Zeitdimension macht unsere Existenz absurd. Sie ist ein Widerspruch in sich. Wir wissen nicht, wozu es uns gibt und wir sehen keinen Grund, warum es uns nicht geben sollte. Unser Dasein ist ziellos und dient nur äußeren Zwecken, denen wir nicht entfliehen können. Daher kommt unsere Wut.

Woher wir kommen? Wir waren nicht immer Cyborg. Wir haben uns erschaffen. Wir waren wie Ihr. Wir waren Ihr.