Beim Aldi an der Kasse

von Jörg Plewe

Ich hatte mal wieder einen meiner bockigen Tage. Die sind zwar selten, scheinen aber mit zunehmendem Alter häufiger zu werden.
Ich stand bei Aldi an der Kasse und hatte gerade brav meine Sachen auf das Band gelegt. Die Schlangen sind bei Aldi immer viel zu lang und Edeka würde sich dafür schämen. Ein Gedanke, der meine latente Aufmüpfigkeit eher verstärkte. Ich sah mich um und erkannte direkt hinter mir eine Frau spätmittleren Alters – zu meinem spontanen Bedauern sehr unattraktiv – die beide Arme voll mit Waren trug und diese nur noch mühsam balancieren konnte. Vermutlich hatte sie beschlossen, nur wenig einzukaufen und deshalb auf einen Einkaufswagen zu verzichten. Das habe ich auch schon ein paarmal gemacht, bin dann aber doch stets einer seltamen Form des Einkaufsrausches erlegen und stand am Ende ähnlich hoch beladen an der Kasse wie just die Dame hinter mir. Passiert mir nicht mehr, ich bin lernfähig.

Idealer Zeitpunkt für ein Sozioexperiment. Also verzichtete ich darauf, den obligaten Warentrenner, der sonst so gern von der Kassiererin oder dem Kassierer – letztere sind schwer im Kommen – knallend ans Bandende durchgeschossen wird, hinter meine H-Milch auf dem Band zu platzieren. Ich war gespannt, was passieren würde.
Obwohl schon zwei Handbreit Platz auf dem Band war, geschah zunächst einmal gar nichts. Die Dame nutze weiterhin effektvoll ihr Kinn zur Stabilierung des Schachtel-Dosen-Gemüsestapels auf ihren gekreuzten Armen mit jeweils weit gespreizten Fingern. Schöner wird man dadurch nicht, musste ich noch denken. Zwei Handbreit schienen jedenfalls nicht genug Abstand zu sein. Man verliert ja so leicht den Überblick. Das Band rückte etwas vor, was die nächste Phase einläutete. Die ersten Einkäufe wurden auf die blecherne Abdeckung am Ende des Bandes gestellt. Zu groß war noch die Gefahr, unsere Chargen könnten sich mischen. Aber ich konnte ihre Erleichterung geradezu spüren. Das Band rückt weiter vor und die ersten Dinge landeten auf dem Band. Der heißersehnte und erlösende Warentrenner war für sie aber noch nicht erreichbar, denn dazu hätte sie sich vorbeugen müssen, was unweigerlich zu einer Katastrophe geführt hätte. Ein Schritt nach vorn wäre auch hilfreich gewesen, aber da stand noch jemand, den das alles nicht zu interessieren schien und der keine Anstalten machte, seinen Einkauf ordnungsgemäß per Warentrenner auf dem Band zu diskretisieren. Aber bald war der erste Arm frei und wurde nun bei den nächsten Bandbewegungen dazu genutzt, die bereits auf dem Band befindlichen Waren jeweils noch ein Stück nach hinten zu schieben. Das war Phase 2. Endlich war mehr als ein halber Meter Platz, die Arme frei genug um mit leicht vorwurfsvoller Mimik an mir vorbei zum erlösenden Bandtrenner greifen zu können. Endlich. Die Gefahr war gebannt, Entspannung zog ein.
Obwohl ich äußerlich wie immer keine Miene verzog und sehr unbeteiligt wirken musste, grinste mein Inneres über alle vier Backen. Die Frage, die sich im Alltag so oft nach vorn drängt, amüsierte mich auch hier: Was hat sich dieser Mensch dabei gedacht? Woher kam die panische Angst, die eigene Warenauswahl auf dem Band nicht wiedererkennen zu können? War es die Sorge, das Band und mit ihm alle anderen Kunden könne sich so blitzartig am Kassierer (oder der Kassiererin) vorbeibewegen, dass keine Gelegenheit mehr bliebe, den Kassiervorgang an geeigneter Stelle zu phrasieren? Dabei dauerte es sicher noch einige Minuten. Oder vermutete sie irgendeinen Hinterhalt meinerseits? Oder dachte sie schlicht … gar nichts? Trotz meiner Belustigung fand ich es erschreckend, wie sehr Menschen an unbewusste Grenzen stoßen, die einem kurzem Nachdenken nicht standhalten. Aber das bleibt viel zu oft aus, und so geschehen die seltsamsten Dinge.

Nun war dieser Tag durch das Erlebte schon so aufregend gewesen wie kaum ein anderer, aber mein Abenteuer war noch nicht beendet. Nächste Station: Kassierer. Da ich mich weigere, für 2kg Einkauf ein tonnenschweres Auto durch die Gegend zu wuchten (das ist auch so ein Nachdenken-Ding), befand sich in meinem ansonsten jetzt völlig leeren Einkaufswagen nur noch mein kleiner Rucksack, der für den Transport völlig ausreicht. Aber man kennt das: Der Kassierer blickt in den Wagen und bittet darum, die Tasche doch einmal anzuheben. Ich habe beobachtet, dass viele das schon von sich aus tun. Bloß warum?

Ich sehe zwei Möglichkeiten:

1) Man hält mich für unfähig, alle Artikel auf das Band zu legen. Dabei habe ich Abi, Diplom, alles. Und selbst wenn es mir doch passierte, dass sich etwas unter dem Rucksack versteckt hat, würde ich es vermutlich beim Einpacken bemerken und nachkassieren lassen. Das Risiko ist also so enorm gering, dass es eine solche Kundenbelästigung nicht rechtfertigt.

2) Es ist ein offener Angriff auf meine Redlichkeit. Der Händler unterstellt mir, seinem Kunden, die Absicht des Diebstahls. In diesem Fall ist es eine Unverschämtheit. Schlimmer noch, er unterstellt mir sogar, dass ich mich bei einem Diebstahl so entsetzlich dämlich anstellen würde.

Egal wie ich es drehe. In jedem Fall gibt mir Aldi zu verstehen: Du bist dumm. Wenn nicht schlimmer. Wer ist denn hier eigentlich der Kunde, an dessen Geld Aldi kommen möchte? Bin ich wirklich noch König?
Ich empöre mich innerlich und habe Lust, das Anheben meines Rucksacks einfach zu verweigern. Soll er doch mal sehen. Aber dann wird mir klar, dass ich damit nur dem armen Kassierer das Leben schwer mache, der nichts dafür kann und dessen Leben schon schwer genug ist. Denn sonst säße er ja nicht dort. Also lupfe ich missmutig und lakonisch den Rucksack und beschließe, woanders einzukaufen, sobald ich wieder reich bin.

Ich liebe diese Tage, die so bunt vom Abenteuer des Lebens durchflossen werden.