Lange Flure

Der großen Gedanken lange Flure,
Tür an Tür sich reiht.
Hinter jeder ist verborgen
eine neue Denkenszeit.

Alle sind sie schwer zu öffnen
das Genie nur ist dazu geweiht.
Manche dürfen einmal klopfen
aber selten öffnen sie handbreit.

Ich hab‘ den langen Flur gesehen
und fühlte ich mich blitzgescheit,
durfte einer Zweck erahnen.
Die Klinke drücken? Keine Zeit.

30 Gramm

Menschen können tolle Dinge. Im Artikel über das Tanzen kann man ahnen, was unser Hirn schon bei solch scheinbar einfachen Tätigkeiten leistet. Und das ist lange nicht alles. Dabei wird noch verdaut, geatmet, erinnert, gefühlt, gedacht. Und und und.
Diese unglaubliche Leistung schaffen nicht nur besonders kluge Menschen. Auch der dümmste Honk (nach kulturgeprägt gemeiner Einschätzung) ist dazu in der Lage. Selbst eine Katze kann sowas, sogar eleganter als unsereiner.
Nun wiegt das Gehirn einer Katze etwa 30 Gramm. Scheinbar reichen 30 Gramm dieser grauen Grütze, um das Wunder spielend zu vollbringen.
Unseres wiegt 1500 Gramm. Da drängt sich die Frage auf: Wenn 30g reichen, was fangen wir dann erst mit den 1470g an, die wir zusätzlich haben? Betrachtet man das 30g-Potenzial, darf man wohl einiges erwarten!

Gucken wir mal.

Schon mal versucht, in England Auto zu fahren? Hölle! Selbst zu Fuß ist es schwierig. Dabei muss nur links mit rechts vertauscht werden. Links … rechts. Einfacher gehts kaum. Aber das können wir nicht, ein Riesensproblem, für das die 1470g schon nicht mehr reichen? Ich staune. Oder: Wieviel ist 39+47? Die Antwort dauert viel länger als ein Rhythmusschlag der Musik, in dem beim Tanzen soviel passiert.

Was gibt es noch Großartiges? Hochbewunderte Exemplare der 1500g-Klasse werden Fußballprofis, ein Menschenleben voll spezialisiert auf eine einzige, kleine Aufgabe. 1470g Zaubermasse für ‚das Runde muss in das Eckige‘ und ‚man darf nicht alles glauben, was stimmt‘. Das kann’s nicht sein.
1470g pure Magie um an einem Fließband irgendetwas zusammenzudängeln? Um Fenster zu putzen und das Katzenklo sauberzumachen (da zockt uns die 30g-Fraktion übrigens ganz schön ab)? Um das Handy nicht zu begreifen?
Forscher, Dichter, Denker holen vielleicht etwas mehr raus, aber das Verhältnis zur Leistung bei der multisensorischen Bewegungsplanung des Tanzens scheint nicht zu stimmen. Bei weitem nicht.

Es bleibt das Gefühl, dass da irgendetwas nicht stimmt. Eine gewaltige Verschwendung von Mutter Natur? Perlen vor die Säue?
Meine 1470g kommen jedenfalls nicht dahinter wofür sie wirklich gut sind. Da nehme ich lieber meine 30g und wir gehen tanzen. Und im nächsten Leben werde ich Katze.

Multisensorische Bewegungsplanung

Menschen können tolle Dinge. Eines davon ist eine besondere Form der multisensorischen Bewegungsplanung, im Volksmund gern ‚Tanzen‘ genannt.
Das Gehirn nimmt dabei zunächst über das Ohr akustische Reize auf und kann aus dem disco-verrauschten Musiksignal wiederkehrende Muster erkennen: Den Rhythmus. Der soll in Tanz umgesetzt werden, was nicht so einfach ist, wie es bei einem eleganten Tänzer scheint.
Sicher ein paar Dutzend Muskeln müssen so angesteuert werden, dass sie zusammen eine harmonische Bewegung erzeugen. Dazu muss ein inverses Kinematikproblem gleich mehrfach parallel gelöst werden: Um mit einer Hand eine bestimmte Bewegung im Raum durchzuführen gibt es schier endlos viele Möglichkeiten, dies mit unterschiedlichen Bewegungsfolgen von Schulter- und Ellbogengelenken zu realisieren. Aber nur wenige dieser Möglichkeiten sind brauchbar, von Eleganz noch gar nicht zu reden. Und die findet das Hirn, einfach so, für beide Hände und Füße gleichzeitig, wobei die jeweiligen Bewegungen nicht einmal unabhängig voneinander und mit der Wirbelsäule zu koordinieren sind. Das ist ein äußerst komplexes Optimierungsproblem. Computer können einpacken.
Als ob das nicht schwierig genug wäre, wird das Gleichgewicht gehalten, wozu Signale aus dem Innenohr und von Drucksensoren aus den Füßen und den Gelenken verarbeitet werden müssen. Das Ergebnis wird beiläufig in die obige Kinematik-Lösung integriert – und das sogar vorausschauend – damit der Tänzer nicht doch noch umfällt. Wie sähe das denn aus? Immer schön den Schwerpunkt über der Standfläche halten!

Nun reicht auch das noch nicht. Man tanzt ja schließlich nicht allein. Also wird die Umgebung durch das Auge wahrgenommen und die umgebenden Bewegungsmuster analysiert und antizipiert (die dafür nötige Bildverarbeitungsleistung mit Merkmalsextraktion und rückgekoppelter Pupillensteuerung erwähne ich mal nicht). Dabei wird der Raum zeitaufgelöst auf kollisionsfreie Zonen untersucht und die Bewegungsplanung entsprechend angepasst. Das Gedächtnis arbeitet auch mit, um zu gewährleisten, dass eben noch außerhalb der gegenwärtigen Augensensorik wahrgenommene Personen berücksichtigt werden. Das Ganze ist stör- und fehlertolerant und zu jedem Zeitpunkt änderbar. Wenn man jemandem auf den Fuß tritt zum Beispiel.
Manche singen dabei noch mit, haben die Augen geschlossen oder halten ein Bierglas in der Hand, ohne damit anzustoßen oder etwas zu verschütten.

Irre, oder? Dabei macht es auch noch Spaß…