Wie im Film…

Manchmal passieren Dinge, die man nur in frechen Hollywoodkomödien erwarten würde.
Ich schlendere gemütlich über das große Baseler Volksfest. Vor mir sehe ich ein kleines Mädchen, kaum drei Jahre alt. Sie bummelt ihrerseits ohne darauf zu achten, wohin sie geht. So kommt sie auf mich zu. Ich bleibe stehen und warte ab. Tatsächlich stößt sie gegen mich. Irritiert blickt sie zu mir auf. Lächelt mich an. DAS können dreijährige Mädchen nun wirklich. Ich lächle zurück, so gut ich kann.
Aber ihr Ausdruck verändert sich und zu spät erkenne ich den Schalk in ihrem Nacken. Sie grinst höllisch, holt aus und tritt mir keck gegen’s Schienenbein! Das kleine Biest!

Ich ließ sie am Leben…

Mitläufer

Ist euch auf einem Bahnhofgleis jemals aufgefallen, was bei einem einfahrenden Zug seltsames vorgeht? Je voller das Gleis, umso mehr?
Menschen stehen und warten auf den Zug. Der Zug ist nicht zu sehen, nichts geschieht. Kaum jemand bewegt sich, Neuankömmlinge suchen sich ihren Platz. Viele blicken in die Richtung, aus der sie den Zug erwarten. Als ob das frühe Erblicken des Zuges die Abfahrt beschleunigt. Ich selbst gehe meistens auf und ab und beobachte. Stehen auf der Stelle scheint meine Wartezeit zu verlängern.
Irgendwann sieht man den Zug kommen. Er erreicht das Gleis noch mit hoher Geschwindigkeit und beginnt zu bremsen. Die Lok und die ersten Wagons fahren an den Leuten vorbei, die ihnen mit den Augen folgen. Man sieht Augen einen Punkt am Zug fixieren und ihn verfolgen, bis er vorübergezogen ist. Dann suchen sie sich einen neuen, so dass die Köpfe hin- und herschwenken.
Das Seltsame geschieht erst, wenn der Zug sehr langsam wird. Unterhalb eines gewissen Tempos setzen sich plötzlich die ersten Menschen in Fahrtrichtung in Bewegung. Scheinbar haben sie eine Tür fixiert und sind fortan darauf festgelegt, diese zu erreichen, ganz gleich, wie weit der Zug noch fahren wird. Erst bewegen sich nur wenige, schnell immer mehr, am Ende die meisten. Sie laufen dem Zug hinterher, obwohl er noch viele Meter langsam weiterfährt. Wie weit genau lässt sich auch für erfahrene Bahnfahrer kaum abschätzen.
Ich bleibe stehen und bestaune amüsiert das Schauspiel. Ich warte, bis der Zug steht und suche mir dann die mir am nächsten liegende Tür zum Einstieg. Das scheint mir die einfachste Taktik und naheliegend zu sein.
Offensichtlich ist es keine Taktik oder ein Denkprozess, der die meisten Menschen in Bewegung setzt. Es ist sinnlos. Niemand beschließt bewusst, einer angepeilten Tür nachzulaufen. Es muss also ein instinktiver, urmenschlicher Mechanismus sein. Aber welcher? Woher stammt er und wie wirkt er? Es gibt viele davon im Alltag, wenn man darauf achtet. Ich möchte sie in der Folge beobachten und beschreiben.

Der Mensch – ein denkendes Wesen? Nicht immer!

Wenn einer eine Reise tut…

… und mit der Bahn fährt, dann ist das Abenteuer garantiert. Eine routinierte, ungeliebte Geschäftsreise aus dem Ruhrgebiet nach Basel. Ich habe schon verschiedene Reisemittel ausprobiert. Mit dem Auto ist es am einfachsten. Aber nach spätestens einer Stunde Fahrt verliert man Lust und Geduld und glaubt, diese Reise wird niemals enden. Nach zwei Stunden ist es dann nur noch anstrengend.
Mit dem Flugzeug … eine knappe Stunde Flugzeit, doch das drumherum bringt mich um. Mit dem Bus zum Bahnhof, mit dem Zug zum Flughafen, frühzeitig dort sein, einchecken, einmal halb ausziehen, kurz fliegen (was immer wieder schön ist, wenn man – wie ich – Wolken liebt), Taxi suchen und mit dem Taxi fahren. Dauert auch so seine Zeit und ist doch am Ende stressig.
Bleibt die Bahn. Hab sie schon zweimal benutzt. Jedes mal nur eine gute Stunde Verspätung. Meist war der Reiseplan inklusive der Reservierungen schon am Startbahnhof Makulatur.
Aber heute sah es doch so gut aus! Die Regionalbahn immerhin so pünktlich, dass man den ICE erreichen konnte, dessen Verspätung sich auch noch in Minuten messen ließ. Es konnte kaum noch etwas schief gehen. Doch dann: Halt auf offener Strecke zwischen Siegburg und Frankfurt. ‚Notarzteinsatz am Gleis‘. Man weiß, was das bedeutet. Tragisch, und ich bin froh, im Zug zu sitzen und nicht an einem kalten Novembermorgen in Stücken davor zu liegen.

Es gibt ein Durchsage, das Gleis sei unbefahrbar und es geht zurück nach Köln, um die Ausweichstrecke auf der anderen Rheinseite anzusteuern. Verspätung: Mindestens zwei Stunden.
Die Reisenden reagieren gelassen. Die Bahn kann nichts dazu, das ahnt man wohl. Der Anlass hat sich der Konsequenz entzogen und taugt nicht mehr als Ziel von Erregung und Wut. Höhere Gewalt murmelt der ein oder andere. Dabei war keine Gewalt im Spiel und es kommt mir auch alles andere als ‚hoch‘ vor. Das große Telefonieren geht los, Termine werden verschoben, Treffpunkte verlegt.
Mitgefühl mit dem Suizidanten erkenne ich nicht. Was mag wohl in ihm vorgegangen sein, während ich im Zug saß? Frohsinn und Heiterkeit war’s wohl nicht.

Aber auch wir Reisenden haben es natürlich nicht leicht. Daher gibt uns die Bahn im Zugrestaurant einen aus. Ich genieße meinen koffeinfreien Kaffee und beobachte das Zugpersonal hinter der Ausgabetheke. Die Verlockung kostenloser Snacks hat Scharen angelockt. Das Personal ist überfordert und hektisch, die Snacks schnell vergriffen. Interessanterweise reagiert das Personal mit alberner Heiterkeit beinahe euphorisch auf genervte Passagiere. Die Zugbegleiterin plappert ohne Unterlass und ich erfahre Details ihrer jüngsten Krankengeschichte, ohne die ich durchaus hätte weiterleben können. Ich frage mich, wie diese Reaktion wohl zustande kommt, finde aber keine Erklärung. Ich werde wohl mal einen Psychologen fragen.

Ich Reise mit der Bahn und verspäte mich massiv. Wie immer. Ach ja, und es gibt einen Menschen weniger.

Ich hab‘ mich immer als Paar gesehen

Ich hab‘ mich immer als Paar gesehen
konnte nie alleine gehen
und nicht auf einem Beine stehen.

Nur ich – das ist nichts Ganzes

Alleine essen macht nur fett
es ist kalt, allein im Bett
Gesellschaft macht das auch nicht wett.

Nur ich – es fehlt die Luft zum Atmen

Allein fehlt mindestens die Hälfte
– die bessere sogar –
Nur ich – so komm ich gar nicht klar

Ich bin nur halb
kein ganzes Wesen
und bin schon immer so gewesen.
Ein halbes Herz macht doppelt Schmerz.