Fachhandel

von Jörg Plewe

Das Gute am Fachhandel ist die fundierte, persönliche Beratung. Ganz besonders im Unterschied zur anonymen Internetbestellung. Dafür kann man ruhig mal ein paar € mehr ausgeben. Außerdem gibt es Produkte, die – obwohl sie nur ein paar Gramm wiegen – eine logistische Herausforderung darstellen, weil sie sich so schrecklich blöd verpacken lassen. Fahrradreifen zum Beispiel. Und der Laden um die Ecke ist manchmal doch noch schneller als die Wunder wirkenden Logistiker.
Ich also rein ins Fahrradfachgeschäft. Nachdem ich mich eine Weile durch das Angebot gefühlt hatte, tauchte das Fachpersonal auf und erkundigte sich nach meinem Wunsch: „Ich brauche einen Reifen fürs Trekkingrad. 700x35c. Und einen Schlauch mit Sclaverandventil. Haben Sie welche mit Pannenschutz?“
Ein wenig kenne ich mich ja aus und der Verkäufer sollte gewarnt sein. Decken – wie wir Halbfachleute Fahrradreifen auch nennen – mit Pannenschutz. Das ist so ein Ding, bei dem ich froh bin in diesem Jahrhundert zu leben. Decken mit Pannenschutz und Betäubung beim Zahnarzt. Das sind die wirklich großen Errungenschaften unserer Zeit. War das früher schlimm … junge junge.
Jedenfalls sagte sie: „Mit Pannenschutz haben wir nur den hier“ und zeigt auf ein Exemplar, das mir optisch nicht zusagte. Das Auge fährt schließlich mit. „Frauen und Fahrradreifen…“ denke ich noch, bevor meine Aufmerksamkeit in den Verkaufsraum zurückkehrte und die Fachverkäuferin mein eben visualisiertes Frauen/Reifen-Bild ruinierte. „Was ist denn mit diesem hier?“ fragte ich zurück, während meine Finger einen wirklich ästhetischen Reifen durchfuhren. Führt man Zeigefinger und Daumen über der Lauffläche zusammen, kann man eine Dicke erahnen, wie sie durch das Pannenschutzfutter erzeugt wird. „Ja, der hat auch Pannenschutz.“ Das „aber sagten Sie nicht gerade…“ verkniff ich mir gnädig.
„Was kostet der?“ Sie nahm das Stück von der Stange und las mir das Preisschild vor. Erträglich. „Wie weit kann ich den aufpumpen?“ fragte ich weiter, während ich selbst die entsprechende Angabe auf dem Reifen suchte. Wozu bin ich im Fachhandel? „Normalerweise bis 6 Bar, aber ich fahre den selbst, da können Sie locker 8 draufmachen.“ Das jedenfalls wäre die Antwort gewesen, die ich mir von einem Fachverkäufer erwartet hätte, der schonmal einen Fahrradreifen aufgepumpt hat oder wenigstens mal radgefahren ist. Die „fahre ich selbst“-Lüge sei jedem Verkäufer verziehen. Sie aber sagte: „4 Bar, so sind die mit Pannenschutz alle.“
„Warum steht hier 6?“ fragte ich noch, weil ich inzwischen die Aufschrift gefunden hatte und mit der Angabe zufrieden war. „Ja, oder 6.“

Von der mit großem Gleichmut vorgetragenen und dann doch gnadenlos enthüllten Inkompetenz so überhaupt nicht beunruhigt zu sein ist ein echtes Talent, das sich mancher Fachverkäufer mit Politikern teilt. Der Unterschied besteht in dem lakonischen Desinteresse bei den einen und dem zusammengelogenen Stolz auf Missratenes bei den anderen. Das lässt mich mit dem Fachverkäufer versöhnen. Ich habe diesen wirklich schönen Reifen gekauft, denn verpacken lässt er sich immer noch schlecht. Ich nenne ihn Susanne und er fährt mit 6 Wonderbar richtig gut!