Krokodil

Die meisten Tage sind ganz normal. Ein paar, seltene Tage sind genauso normal, aber ganz wenige davon sind ein wenig anders. Mitunter so wenig, dass man es kaum bemerkt. Nur, wenn man ganz genau hinsieht. Vielleicht war gestern einer dieser Tage.

Wie so oft wollte ich in meinem Lieblingscafe ein wenig Entspannung (oder auch Spannung) finden. Der Weg dorthin bei feinstem Sommerwetter – normal. Das Einbiegen in die wohlbekannte Seitenstraße – normal. Das Fahrrad abstellen und sorgfältig verschließen, von der warmen, sonnendurchfluteten Straße mit ihrer Hektik hinein in das kühle Dunkel der Caferäume im mediterranen Stil – normal, gewohnt, unauffällig, angenehm.

Vor der Theke findet sich meist eine kleine Warteschlange. Da man sich den Kaffee selbst dort bestellen und abholen muss und eben dieser ob der zu erwartenden Qualität mit großer Sorgfalt und dem damit verbundenen Zeitbedarf hergestellt wird, muss man ein wenig warten. Das ist nicht unangenehm, steigert es doch die Vorfreude. Ich hielt auf das Ende der Schlange zu. Sobald sich meine Augen etwas an das Dunkel gewöhnt hatten, entdeckte ich unmittelbar vor meinem Vordermann in der Schlange ein Krokodil, das dort feist auf dem Boden lag und durch seine beachtliche Körperlänge auch die Länge der Schlange deutlich streckte. Ich weiß nicht, ob auch in freier Wildbahn Krododile Schlangen strecken, aber hier war es so. Bei näherem Hinsehen konnte ich erkennen, dass so etwas wie der Rest eines Armes samt Hand leicht seitlich nach vorn gestreckt aus dem beeindruckend zahnbewehrten Maul des Krokodils ragte. Ohne mich festlegen zu wollen, vermutete ich dem ersten Anschein nach, dass es sich um eine Männerhand mittleren Alters handelte. Offenbar hatte das Krokodil erst kürzlich einen Platz in der Schlange gutgemacht. Nun muss ich dazu sagen, dass Krokodile in meinem Lieblingscafe nicht häufig anzutreffen sind und so sehr ich auch mein Gedächtnis bemühte fiel mir kein weiterer Fall dieser Art ein. Das Krokodil sah nicht unzufrieden aus.

Manchmal wundere ich mich über das, was mir in ungewöhnlichen Situationen durch den Kopf schießt. Dieses Mal nicht. „Oh, ein Krokodil!“ traf mich der Geistesblitz aus heiterem Himmel und schlug bis auf mein Zwerchfell durch, so dass ich leicht grinsen musste. Das passte nicht zur Situation. Als hätte es meine Gedanken gelesen, drehte das Krokodil seinen Kopf leicht zu mir um und rollte mit den gelben Augen, so dass ich jetzt seine Gedanken lesen konnte: „Schon wieder so ein Oh-ein-Krokodil-Typ, Spießer.“ dachte es. Ich konnte es deutlich sehen und schämte mich ein wenig für meine Einfältigkeit, für die ich nun von einem Krokodil mit einem Gehirn von der Größe einer Walnuss despektiert wurde. Den Blick des Krokodils hatte auch mein Vordermann bemerkt und er sah sich ebenfalls zu mir um, als wollte er sagen: „Schon blöd, wenn Krokodile mit den Augen rollen, nicht wahr?“

Nachdem ich zu alter Geistesschärfe zurückgefunden hatte, stellte ich mir in dieser Situation sofort zwei vitale Fragen:

1.) Sind Krokodile ungefährlich, wenn sie satt sind? Bei Löwen ist das so, aber aus Löwen macht man keine Handtaschen, so dass man es nicht vergleichen kann.

2.) Viel entscheidender: Wann ist ein Krokodil satt? Reicht ein Mann mittleren Alters, um den größten Hunger zu vertreiben? Vielleicht hat sich das Krokodil den Mann mit seiner Frau – also der Frau des Krokodils, nicht des Mannes – teilen müssen, und sie ist nur gerade zur Toillette während ihr Krokodilsgemahl den Platz in der Schlange freihält? Vorsichtig schiele ich zur Toillettentür mit dem Messingschild, das ein kleines Mädchen zeigt. Oder war es ein sehr kleiner Mann, der schon zu Lebzeiten als Halbe Portion betitelt wurde, wenn auch nur hinter seinem Rücken? Das Krokodil war noch nicht der Erste in der Schlange und somit auch nicht an der Reihe, etwas zu bestellen. Naheliegende Fragen wie „Was bestellt ein Krokodil in einem Cafe?“ (Zebratorte?) beschäftigten mich weniger als die sorgfältige Erwägung, dass das Krokodil weiteren Nahrungsbedarf schließlich am besten mit Hilfe vor ihm in der Schlange befindlicher Personen stillen konnte, was ihm einen doppelten Vorteil eingebracht hätte: Satt und dem Dessert näher. Und müsste mein Vordermann sich nicht mehr Sorgen machen als ich? Der aber spielte mit seinem Smartphone und sah unbesorgt aus. Das erschien mir so überzeugend, dass ich in Ruhe abwarten konnte, bis ich an der Reihe war und mir meinen Kaffee bestellen konnte. Ich entschied mich für eine große Tasse mit etwas Milch.

Damit setzt ich mich zufrieden zu dem Affen an den Tisch am Fenster und las etwas in der dort ausliegenden Zeitung, die aber über nichts als einen völlig normalen Tag zu berichten wusste.

Tango? Ein Jahr.

Tango? Ich? Verrückte Idee. Wie kommt man denn auf sowas? Doch der Gedanke ist wahrscheinlich älter als ich vermute. Immer wenn ich auf einer Hochzeit, einem 40/50ten oder einem Schützenfest mit unterdrückten Tränen der Wut zu Discofox gezwungen wurde, dachte ich heimlich und im Stillen: Tango könnte gehen. Das hat etwas, so etwas Ruhiges, Erhabenes. Natürlich ohne jemals einem Tango auch nur zugesehen zu haben. Nur so eine unbestimmte, vage Ahnung von etwas, das von einem mystischen Hauch umwogen ist. Oder weil das Wort so schön klingt: Tango.

Aber an einem Sonntagnachmittag, an dem sonst so gar nichts passieren wollte, bot sich dieser Schnupperkurs ganz in der Nähe an – und ich ging hin.

Voreinander hinstellen – Übungshaltung – und dann losgehen. Ich vorwärts, sie rückwärts. Aha. Wohlan denn! Gehen wir mal los.

Ein Schritt … das war’s! Vielleicht war es nicht der erste Schritt, sondern die ersten fünf. Oder die ersten fünf Minuten. Ich weiß es nicht mehr. Jedenfalls war ich gefangen. Ein Schritt im Tango war kein Schritt, wie ich ihn kannte. Er war so wuchtig, zwingend, war so bewusst, war greifbar, plastisch, warm, hatte eine Konsistenz wie Karamell, das leicht erwärmt langsam gerührt wird. Wenn ich wollte, roch er sogar wie Karamell. Und er schmeckte nach mehr.

Vorerst blieb es dabei und bis zum ersten Kurs dauerte es noch eine ganze Weile. Unentschlossen wie es Männer im Allgemeinen und ich im Speziellen nun mal sind, wurde ich von meiner Partnerin letztendlich dazu gezwungen: „Ich fahre jetzt los und erwarte dich um 19:00 vor Ort“ waren ihre Worte, die keinen Widerspruch duldeten und für die ich ihr heute dankbar bin (das „verdammt nochmal“ und weitere Beschimpfungen danach werden aus Gründen der Contenance hier nicht zitiert). Ohne es zu ahnen hatte ich bei meinem ersten Schritt einen heiligen Pakt mit dem Geheimbund der Tangolehrer geschlossen, der mich noch etwas kosten sollte.

Die ersten Figuren waren schnell gelernt. Ein Ocho, vielleicht ein Kreuz. Der Erfolg machte mutig und bald sollte es zur ersten Milonga gehen. Kaum ein Vierteljahr später (Thema: Entschlossenheit, s.o.) war es auch schon so weit. Hinaus in die Wildnis, spielen mit den großen Kindern. Während das Tanzen selbst ob der Aufregung merklich hinter die Kursleistung zurückfiel, tauchten ganz neue Dinge auf. Ungeschriebene Gesetze, deren Nichteinhaltung wenig nachsichtig geahndet wurde. Tandas? Tanzlinien? Und es gab gar nicht mehr so viel Platz! Das ohnehin knappe Repertoire brach noch einmal zusammen und schuf damit Raum für Verzweiflung. Kurz: Es war schlimm.
Aber es war mein erster Fußabdruck auf dem Tangomond. Ein kleiner Schritt für mich, ein großer Sprung für die anderen. Nämlich zur Seite, wenn sich geballte 90kg Mann (all muscles, no fat) mit ein bisschen Frau davor in einer wilden Mischung aus Eishockey und Straßenkarneval in Rio über den Tanzboden frästen.
Und es gab noch so viel zu lernen: Sandwich, Nacho, Tortilla, Colgate, Avocado, Ocho Mortale, Enchilada – oder wie auch immer das alles heißt.

Nachdem ein wenig Routine mehr Sicherheit gebracht hatte, wartete schon die nächste Hürde: Fremde Frauen auffordern! Diese kleinen, bösen Wesen aus einer anderen Welt, vor denen ich mich schon im Kindergarten gefürchtet hatte. Das bisschen Mut, eben noch für 50 Cent aus dem Kaugummiautomaten gezogen, versagte völlig, als ich die Angebetete mit einem dieser verdammten Supertänzer über die Tanzfläche gleiten sah. Wie konnte ich denn da mithalten?
Aber zum Glück gibt es den Cabeceo. Cabeceo bedeutet, dass man auf gar keinen Fall niemals nicht jemanden freundlich anlächeln oder auch nur anschauen darf. Doch bevor man lernt, sich mit auf den Boden gesenktem Blick in einer möglichst dunklen Ecke unsichtbar zu machen, hat der Unerfahrene schon versehentlich jemanden aufgefordert. Atemstillstand, Blutsturz, Schweißausbruch. Und vor allem: Völlige Leere im Kopf! Und Angst. Zu meiner Überraschung: Es war gar nicht so schlimm! Die erwartete Blamage blieb aus. Stattdessen Anerkennung für das in der kurzen Zeit Erlernte, und dass es schön gewesen sei. Die Frauen sagen oft, dass sie die tollen Figuren gar nicht brauchen und dass eine gute Umarmung viel mehr wert sei, aber ich glaube ihnen nicht ganz. „Du warst echt toll, wirklich!“ ist doch sonst auch immer gelogen. Vielleicht stimmte es aber doch ein klein Wenig. Zwar gab es keine zweite Tanda, soweit ging es dann doch nicht und ich hätte sie ob totaler Erschöpfung auch nicht überlebt. Aber schön war’s.

Dann dieser Abend. Schon etwas später, nicht mehr voll und ein schöner, langsamer Neotango. Ich hatte vorher schon mit ihr tanzen dürfen (versehentliches Cabeceo), einer sehr eleganten Tänzerin. Aber dieses Mal – war es anders. Die Schritte und Figuren vergessen, keine Angst vor dem Fehlschlag. Alles um mich herum war weit weg, ich war im Hier und Jetzt. In einem eigenen Hier, einem eigenen Jetzt. Unbekannt, unerwartet, weich, warm, schön, aus einem Stück. Erotik 2.0! (Der geneigte Leser möge an dieser Stelle 20 Sekunden mit geschlossenen Augen innehalten.) Das war wohl mein erster Tangasmus. Von einem Discofoxasmus habe ich noch nie gehört!

Und heute? Nach Kursen, Workshops und Camps: Noch immer bestaune ich ungläubig – leider meist bei anderen – das perfekte mechanische Ineinandergreifen von Sacadas und Ganchos wie bei den Transformers. Den Variantenreichtum von Volcadas und Colgadas, der schlichten, physikalischen Notwendigkeiten folgt. Das stille, genaue Führen mit subliminaler Kommunikation.

Aber das ist es nicht.

Wenn sich ein Schritt aus der festen Verwurzelung im Boden mit der unaufhaltsamen Gewalt eines Erdbebens in den Impuls für die Partnerin übersetzt, die dem willig zu folgen vermag. Wie ein behutsamer Riese, der die feinste Nuance achtsam wahrnimmt und jederzeit bereit ist, seine Kraft zurückzunehmen, umzuleiten, und sicher stehend anzukommen. DAS ist es.
Meist trägt meine Urgewalt noch ein rosa Kleidchen und glitzernde Schleifchen im Haar, aber sie wohnt schon bei mir und darf manchmal hinaus zum Spielen.
Kraftvolles, geduldiges Führen ohne Zwang, wohlmeinendes Folgen mit selig geschlossenen Augen (was die Damen im Alltag gern vermissen lassen), Kommunikation ohne Worte, Nähe, Achse, Balance. Ein Traum.

Findet mich auf dem Parkett – ihr werdet was erleben!

Wenn der Hahn kräht

Ich habe die Geschichte der brasilianischen Autorin Claudia Lage auf WDR5 in deutscher Übersetzung gehört und fand sie so schön, dass ich sie nach- und neuerzählen möchte.

Er schlug die Augen auf und es war, wie es immer war. „Ich bin schon zu lange hier“ dachte er, als er seinen Blick von der Decke zum Fenster wandte und sah, dass gerade die Dämmerung dem hellen Spätsommertag weichen wollte. Etwas mühsam schlug er die warme Bettdecke zur Seite und setze sich leise seufzend auf. Er fühlte sich gut. Und er wollte sich auch gut fühlen: „Heute ist ein guter Tag. Ein besserer wird sich kaum finden.“
Er richtete sich auf, suchte und fand seine alten und vertrauten Hausschuhe und schlurfte langsam und mit kleinen, flachen Schritten in die Küche. „Guten Morgen“ grüßte er noch etwas matt den Mann, der mit dem Aufbrühen des Kaffees befasst war, dessen Duft er schon in seinem Zimmer wahrgenommen hatte und der nun den ganzen Raum in seine eigene, wohlige Atmosphäre tauchte. Der Mann drehte nur leicht den Kopf und nickte kaum merklich, sagte aber nichts.
In der Kommode fand er Papier und einen Bleistift, setzte sich an den Tisch und schrieb einige Namen auf das Blatt. „Diese möchte ich heute Nachmittag hier sehen.“ sagte er laut und bestimmt und zeriss damit die frühmorgendliche Stille. Der Mann drehte sich langsam um, kam zum Tisch herüber und sah auf das Papier. „Das geht nicht.“ sagte er, „Walter ist vor drei Jahren gestorben und Gertrud letztes Jahr. Wir waren auf dem Friedhof, erinnerst du dich?“ Tatsächlich erinnerte er sich jetzt. Und auch daran, dass ihm in der letzten Zeit manches entfallen war. „Aber die anderen sollen kommen.“ fügte er bestimmt hinzu, ohne sich mit übertriebener Höflichkeit aufzuhalten. Sie kannten sich ein Leben lang und brauchten kein „Bitte“ mehr, um einander Zuneigung und Respekt auszudrücken. Der Mann nickte wieder kurz, steckte das Blatt in seine Hosentasche und wandte sich wieder dem Kaffee zu.
„Sonst will ich niemanden sehen, auch keinen Pfaffen.“ Der Mann drehte sich erneut um und hob eine Augenbraue: „Warum das? Du warst immer ein Katholik und Christ.“ „Jesus ist tot und Gott ist ein Lügner.“ sagte er trotzig, „Nur die Namen auf der Liste!“
„Und ich möchte gut essen und danach mache ich den Garten.“ Der Mann protestierte, das mit dem Essen gehe in Ordnung, aber das mit dem Garten sei zuviel, das könne er nicht mehr, in seinem Alter. Er wischte den Einwand mit einer gebieterischen Handbewegung weg: „Ich mache den Garten. Das letzte Mal ist schon so lange her. Ich möchte im Garten arbeiten. Das Laub liegt schon überall.“
Der Mann machte sich mit der Namensliste auf den Weg. Er würde telefonieren und einige Besorgungen für die Mahlzeiten des Tages machen. Gemüse, etwas Reis, kein Fleisch. Und Rotwein.
Sie bereiteten das Mittagessen gemeinsam. Sie sprachen das Nötigste, denn sie hatten sich in der langen Zeit bereits alles gesagt, was sie zu sagen hatten. Der Mann war sein Bruder und sie lebten zusammen, seit sie beide allein gelassen worden waren. Sie genossen die Mahlzeit mit reichlich Rotwein in der Küche, die von der Mittagssonne in ein warmes, freundliches Licht getaucht wurde. Es ging ihm gut. Und er wollte, dass es ihm gut geht. Unter den besorgten Blicken seines Bruders legte er seine alte Gartenschürze an und ging hinaus in die Sommerwärme. Er würde im Garten arbeiten, wie er es lange getan und geliebt hatte. Viel würde er nicht schaffen denn die Bewegungen waren mühsam, aber das spielte keine Rolle.

Am Nachmittag trafen die bestellten Gäste ein.

Dagmar kam als Erste und er bat sie, sich auch den Stuhl ihm gegenüber zu setzen. „Hast du mich geliebt?“ fragte er sie. Sie hob vorsichtig den Kopf und blickte ihn überrascht an. „Ja“ sagte sie, „viele Jahre nach dem Krieg, hast du es gewusst?“. „Ich wusste es, und ich habe dich auch geliebt, aber ich habe es dir nie gesagt.“ Dagmar sah traurig aus: „Nunja, das ist lange her. Aber ich freue mich, es heute zu erfahren.“ Sie drückte seine Hand, stand leise auf und ging.

Inzwischen war Margarete eingetroffen und er bat auch sie auf den Stuhl ihm gegenüber. „Hast du mich je betrogen?“ fragte er sie. Sie blickte zu Boden und schwieg, rieb ihre Hände. Schließlich sah sie auf und sagte leise: „Ja, ich habe dich betrogen und es tut mir leid. Aber ich musste es tun, mein Herz hat danach geschrien.“ Er machte eine beschwichtigende Geste und sah sie weich an: „Ich habe es gewusst, und es ist gut. Du bist deinem Herzen gefolgt.“ Sie blickte ihn still an, stand dann auf, wandte sich rasch um und ging.

Peter kam herein, stellte sich hinter den Stuhl und stütze seine Hände auf die Lehne. „Was ist alter Mann? Was willst du?“. „Ich verzeihe dir.“ antwortete er fest, wobei er Peter in die Augen sah. Der hielt seinem Blick stand, nickte einmal kurz, nickte ein zweites Mal langsam, drehte sich um und ging.

Nachdem alle gegangen waren herrschte eine Weile Stille. An die Kommode gelehnt, hob sein Bruder an, den Blick gesenkt: „Ich war es, mit dem Margarete dich betrogen hat. Ich war es.“ „Du? Du warst es? Ich wusste, dass ich sie verloren hatte, aber ich wusste nie, an wen. An dich also.“ Er wurde traurig, fasste sich aber bald wieder. „Es ist zu lange her. Es ist gut.“

Sie bereiteten ein einfaches Abendessen wie sie es immer taten und redeten viel über alte Zeiten. Schöne Erinnerungen und ausreichend Rotwein, er war sehr zufrieden mit sich und dem Tag. Schließlich sagte er: „Ich weiß nicht, wo ich morgen sein werde, aber du wirst wieder hier sein.“

Er erhob sich, ging in sein Zimmer und holte seinen besten Anzug aus dem Schrank, den er so lange nicht getragen hatte. Er zog ihn an und betrachtete sich im Spiegel. Der Anzug schien ihm etwas zu groß geworden zu sein. Ein Lächeln umspielte seinen Mund.
Dann legte er sich auf sein Bett und blickte an die Decke, wie er es am Morgen getan hatte. Sein Bruder kam ins Zimmer: „Willst du schon schlafen?“. „Nein“ antwortete er. Dann war es still.

Sein Bruder ging leise aus dem Zimmer zurück in die Küche. „Das ist ungerecht.“ dachte er, „Ich bin der Ältere.“

Fachhandel

Das Gute am Fachhandel ist die fundierte, persönliche Beratung. Ganz besonders im Unterschied zur anonymen Internetbestellung. Dafür kann man ruhig mal ein paar € mehr ausgeben. Außerdem gibt es Produkte, die – obwohl sie nur ein paar Gramm wiegen – eine logistische Herausforderung darstellen, weil sie sich so schrecklich blöd verpacken lassen. Fahrradreifen zum Beispiel. Und der Laden um die Ecke ist manchmal doch noch schneller als die Wunder wirkenden Logistiker.
Ich also rein ins Fahrradfachgeschäft. Nachdem ich mich eine Weile durch das Angebot gefühlt hatte, tauchte das Fachpersonal auf und erkundigte sich nach meinem Wunsch: „Ich brauche einen Reifen fürs Trekkingrad. 700x35c. Und einen Schlauch mit Sclaverandventil. Haben Sie welche mit Pannenschutz?“
Ein wenig kenne ich mich ja aus und der Verkäufer sollte gewarnt sein. Decken – wie wir Halbfachleute Fahrradreifen auch nennen – mit Pannenschutz. Das ist so ein Ding, bei dem ich froh bin in diesem Jahrhundert zu leben. Decken mit Pannenschutz und Betäubung beim Zahnarzt. Das sind die wirklich großen Errungenschaften unserer Zeit. War das früher schlimm … junge junge.
Jedenfalls sagte sie: „Mit Pannenschutz haben wir nur den hier“ und zeigt auf ein Exemplar, das mir optisch nicht zusagte. Das Auge fährt schließlich mit. „Frauen und Fahrradreifen…“ denke ich noch, bevor meine Aufmerksamkeit in den Verkaufsraum zurückkehrte und die Fachverkäuferin mein eben visualisiertes Frauen/Reifen-Bild ruinierte. „Was ist denn mit diesem hier?“ fragte ich zurück, während meine Finger einen wirklich ästhetischen Reifen durchfuhren. Führt man Zeigefinger und Daumen über der Lauffläche zusammen, kann man eine Dicke erahnen, wie sie durch das Pannenschutzfutter erzeugt wird. „Ja, der hat auch Pannenschutz.“ Das „aber sagten Sie nicht gerade…“ verkniff ich mir gnädig.
„Was kostet der?“ Sie nahm das Stück von der Stange und las mir das Preisschild vor. Erträglich. „Wie weit kann ich den aufpumpen?“ fragte ich weiter, während ich selbst die entsprechende Angabe auf dem Reifen suchte. Wozu bin ich im Fachhandel? „Normalerweise bis 6 Bar, aber ich fahre den selbst, da können Sie locker 8 draufmachen.“ Das jedenfalls wäre die Antwort gewesen, die ich mir von einem Fachverkäufer erwartet hätte, der schonmal einen Fahrradreifen aufgepumpt hat oder wenigstens mal radgefahren ist. Die „fahre ich selbst“-Lüge sei jedem Verkäufer verziehen. Sie aber sagte: „4 Bar, so sind die mit Pannenschutz alle.“
„Warum steht hier 6?“ fragte ich noch, weil ich inzwischen die Aufschrift gefunden hatte und mit der Angabe zufrieden war. „Ja, oder 6.“

Von der mit großem Gleichmut vorgetragenen und dann doch gnadenlos enthüllten Inkompetenz so überhaupt nicht beunruhigt zu sein ist ein echtes Talent, das sich mancher Fachverkäufer mit Politikern teilt. Der Unterschied besteht in dem lakonischen Desinteresse bei den einen und dem zusammengelogenen Stolz auf Missratenes bei den anderen. Das lässt mich mit dem Fachverkäufer versöhnen. Ich habe diesen wirklich schönen Reifen gekauft, denn verpacken lässt er sich immer noch schlecht. Ich nenne ihn Susanne und er fährt mit 6 Wonderbar richtig gut!

unfreiwillig aufgewacht

unfreiwillig aufgewacht
aus der langen dunklen Nacht
dem sonnenhellen Königreich
dem ruhigen Erbarmen gleich
nun hinaus in diese Welt
in der alles schwerer fällt

die Sonne lacht gleich in mein Zimmer
und macht mir die Erkenntnis schlimmer
dass nichts wartet hier und jetzt
niemand der sich zu mir setzt
und mir einen Anlass bietet
überhaupt zu atmen

so bleibe ich im Bett erst liegen
warum aufstehen? nichts zu siegen
keinen Grund mich zu erheben
mich in diese Welt bewegen
in der nichts wartet
außer Mühsal

Sehnsucht wohnt im wachen Herzen
nach dem Guten, nach den Schmerzen
die sich bei Licht nicht finden lassen
und all suchend diesen Tag verpassen

es geht auch dieser Tag zu Ende
ohne dass ein Sinn sich fände
vom Lebenskalender abgerissen
nichts passiert und weggeschmissen
er wartet ruhlos auf sein Sterben
soll doch endlich Nacht es werden

wartend klage ich und schlafe ein
ton- und zeitlos wird mein Sein
nur der Morgentraum bringt mich in Not
denn Aufwachen droht!