pfui

Ich war gerade laufen. Eine gute Stunde Bewegung. Bewegung – bei Menschen jenseits der 40 heißt es nicht mehr Sport, sondern Bewegung. Einzige Ausnahme: Jens Voigt.
Jedenfalls … ich lief einen Waldweg entlang als ich mich zwei Frauen näherte, die vor mir hergingen. Sie konnten mich nicht sehen und – dank meines immer noch feengleichen Laufstils – zunächst auch nicht hören. Sie hatten ein drittes Wesen dabei, halb Hund, halb Ratte. Anhand des orientierungslosen Bewegungsmusters der Kreatur musste ich doch auf Hund schließen. Ratten sind schließlich sehr intelligent.
Nun schien es MIR deutlich wichtiger zu sein, das Hündchen nicht mit einem lakonischen Tritt aus dem Weg zu befördern, als ihm selbst. Noch ein Hinweis, dass es keine Ratte war, die sicher niemals so dumm wäre, einem 40fach größeren Wesen vor die Füsse zu laufen. Ein kleiner Tritt wäre für das Tier sicher lehrreich und intelligenzbildend gewesen. Schmerz erzieht. Aber sowas mache ich nicht.

Als ich mich nähere, erschrecken die Damen ein wenig und ich mogle mich so gut es geht an Hündchen und Frauchen vorbei. Damit habe ich den Jagdinstinkt der Bestie provoziert. Ich konnte es zwar nicht sehen (hinten keine Augen), aber aus den Rufen der Frauchen konnte ich entnehmen, dass sich das Tier an meine Ferse heften wollte. Nicht nur metaphorisch.
„Hexe, komm hier!!“ – hörte ich. Ich habe schon oft erlebt, dass Hundebesitzer glauben, ihre Hunde wüssten gepflegte Konversation in deutscher Sprache zu schätzen. Daran musste ich denken und wunderte mich daher gar nicht, dass Hexe auf derlei Gestammel nicht reagierte.
„Pfuiiiiii is das!“. Also das ging dann doch zu weit. Pfui? Klar bin ich nicht der Schönste und nach einer Stunde Bewegung roch ich nicht mehr wie ein Sonnenaufgang über Grasse. Aber pfui? Und noch einmal: „Pfuiiiiii is das!“. Da bin ich dann doch stehengeblieben, habe mich umgedreht und protestiert: „Pfui? Das habe ich ja noch nie gehört! Ich bin nicht pfui!“.
Nun war es ihnen doch etwas peinlich und sie wanden sich etwas in dem Versuch, mir zu erklären, dass ich gar nicht gemeint gewesen sei. Für die übliche der-tut-nix-der-will-nur-spielen-das-hat-er-ja-noch-nie-gemacht Kaskade war das Tier einfach zu klein. Ich grinste in mich hinein, wendete erneut und schwebte elfenhaft von dannen. Und ich hatte das Gefühl, Hexe hätte mir zum Abschied kurz zugezwinkert.

Beim Aldi an der Kasse

Ich hatte mal wieder einen meiner bockigen Tage. Die sind zwar selten, scheinen aber mit zunehmendem Alter häufiger zu werden.
Ich stand bei Aldi an der Kasse und hatte gerade brav meine Sachen auf das Band gelegt. Die Schlangen sind bei Aldi immer viel zu lang und Edeka würde sich dafür schämen. Ein Gedanke, der meine latente Aufmüpfigkeit eher verstärkte. Ich sah mich um und erkannte direkt hinter mir eine Frau spätmittleren Alters – zu meinem spontanen Bedauern sehr unattraktiv – die beide Arme voll mit Waren trug und diese nur noch mühsam balancieren konnte. Vermutlich hatte sie beschlossen, nur wenig einzukaufen und deshalb auf einen Einkaufswagen zu verzichten. Das habe ich auch schon ein paarmal gemacht, bin dann aber doch stets einer seltamen Form des Einkaufsrausches erlegen und stand am Ende ähnlich hoch beladen an der Kasse wie just die Dame hinter mir. Passiert mir nicht mehr, ich bin lernfähig.

Idealer Zeitpunkt für ein Sozioexperiment. Also verzichtete ich darauf, den obligaten Warentrenner, der sonst so gern von der Kassiererin oder dem Kassierer – letztere sind schwer im Kommen – knallend ans Bandende durchgeschossen wird, hinter meine H-Milch auf dem Band zu platzieren. Ich war gespannt, was passieren würde.
Obwohl schon zwei Handbreit Platz auf dem Band war, geschah zunächst einmal gar nichts. Die Dame nutze weiterhin effektvoll ihr Kinn zur Stabilierung des Schachtel-Dosen-Gemüsestapels auf ihren gekreuzten Armen mit jeweils weit gespreizten Fingern. Schöner wird man dadurch nicht, musste ich noch denken. Zwei Handbreit schienen jedenfalls nicht genug Abstand zu sein. Man verliert ja so leicht den Überblick. Das Band rückte etwas vor, was die nächste Phase einläutete. Die ersten Einkäufe wurden auf die blecherne Abdeckung am Ende des Bandes gestellt. Zu groß war noch die Gefahr, unsere Chargen könnten sich mischen. Aber ich konnte ihre Erleichterung geradezu spüren. Das Band rückt weiter vor und die ersten Dinge landeten auf dem Band. Der heißersehnte und erlösende Warentrenner war für sie aber noch nicht erreichbar, denn dazu hätte sie sich vorbeugen müssen, was unweigerlich zu einer Katastrophe geführt hätte. Ein Schritt nach vorn wäre auch hilfreich gewesen, aber da stand noch jemand, den das alles nicht zu interessieren schien und der keine Anstalten machte, seinen Einkauf ordnungsgemäß per Warentrenner auf dem Band zu diskretisieren. Aber bald war der erste Arm frei und wurde nun bei den nächsten Bandbewegungen dazu genutzt, die bereits auf dem Band befindlichen Waren jeweils noch ein Stück nach hinten zu schieben. Das war Phase 2. Endlich war mehr als ein halber Meter Platz, die Arme frei genug um mit leicht vorwurfsvoller Mimik an mir vorbei zum erlösenden Bandtrenner greifen zu können. Endlich. Die Gefahr war gebannt, Entspannung zog ein.
Obwohl ich äußerlich wie immer keine Miene verzog und sehr unbeteiligt wirken musste, grinste mein Inneres über alle vier Backen. Die Frage, die sich im Alltag so oft nach vorn drängt, amüsierte mich auch hier: Was hat sich dieser Mensch dabei gedacht? Woher kam die panische Angst, die eigene Warenauswahl auf dem Band nicht wiedererkennen zu können? War es die Sorge, das Band und mit ihm alle anderen Kunden könne sich so blitzartig am Kassierer (oder der Kassiererin) vorbeibewegen, dass keine Gelegenheit mehr bliebe, den Kassiervorgang an geeigneter Stelle zu phrasieren? Dabei dauerte es sicher noch einige Minuten. Oder vermutete sie irgendeinen Hinterhalt meinerseits? Oder dachte sie schlicht … gar nichts? Trotz meiner Belustigung fand ich es erschreckend, wie sehr Menschen an unbewusste Grenzen stoßen, die einem kurzem Nachdenken nicht standhalten. Aber das bleibt viel zu oft aus, und so geschehen die seltsamsten Dinge.

Nun war dieser Tag durch das Erlebte schon so aufregend gewesen wie kaum ein anderer, aber mein Abenteuer war noch nicht beendet. Nächste Station: Kassierer. Da ich mich weigere, für 2kg Einkauf ein tonnenschweres Auto durch die Gegend zu wuchten (das ist auch so ein Nachdenken-Ding), befand sich in meinem ansonsten jetzt völlig leeren Einkaufswagen nur noch mein kleiner Rucksack, der für den Transport völlig ausreicht. Aber man kennt das: Der Kassierer blickt in den Wagen und bittet darum, die Tasche doch einmal anzuheben. Ich habe beobachtet, dass viele das schon von sich aus tun. Bloß warum?

Ich sehe zwei Möglichkeiten:

1) Man hält mich für unfähig, alle Artikel auf das Band zu legen. Dabei habe ich Abi, Diplom, alles. Und selbst wenn es mir doch passierte, dass sich etwas unter dem Rucksack versteckt hat, würde ich es vermutlich beim Einpacken bemerken und nachkassieren lassen. Das Risiko ist also so enorm gering, dass es eine solche Kundenbelästigung nicht rechtfertigt.

2) Es ist ein offener Angriff auf meine Redlichkeit. Der Händler unterstellt mir, seinem Kunden, die Absicht des Diebstahls. In diesem Fall ist es eine Unverschämtheit. Schlimmer noch, er unterstellt mir sogar, dass ich mich bei einem Diebstahl so entsetzlich dämlich anstellen würde.

Egal wie ich es drehe. In jedem Fall gibt mir Aldi zu verstehen: Du bist dumm. Wenn nicht schlimmer. Wer ist denn hier eigentlich der Kunde, an dessen Geld Aldi kommen möchte? Bin ich wirklich noch König?
Ich empöre mich innerlich und habe Lust, das Anheben meines Rucksacks einfach zu verweigern. Soll er doch mal sehen. Aber dann wird mir klar, dass ich damit nur dem armen Kassierer das Leben schwer mache, der nichts dafür kann und dessen Leben schon schwer genug ist. Denn sonst säße er ja nicht dort. Also lupfe ich missmutig und lakonisch den Rucksack und beschließe, woanders einzukaufen, sobald ich wieder reich bin.

Ich liebe diese Tage, die so bunt vom Abenteuer des Lebens durchflossen werden.

Aus dem Leben eines Cyborg

Wir sind kybernetische Organismen, Mischwesen aus Mensch und Maschine. Natürlich sehen wir nicht aus wie StarTrek Borg oder Robocop – das waren noch Zeiten. Wir leben auch nicht nach Neuromancer Art im Cyberspace. Obwohl … vielleicht ein wenig. Nein, wir sehen aus wie Ihr. Ununterscheidbar. Wir bewegen uns gleich, wir atmen, essen, schwitzen. Wir sprechen, handeln und interagieren mit Euch. Ihr erkennt uns nicht.
Wir erkennen uns auch nicht. Deshalb können wir nicht einmal sicher sagen, ob es viele von uns gibt oder am Ende nur einen einzigen. Unser ‚wir‘ ist hypothetisch.
Wir sind so schwer zu erkennen, weil das kybernetische nicht in unserer Biologie und Physis steckt. Ein Chirurg hat keine Chance, kein Röntgengerät wird etwas aufdecken. Wir haben keine Superkräfte und Kugeln werden nicht abprallen. Auch keinen Hitze– und, zu meinem großen Bedauern, auch keinen Röntgenblick.
Das kybernetische steckt in unserer Seele, unseren Köpfen. Ist maschinell, mathematisch, rational. Es formt unser Denken und unsere Gefühle. Ja, gegen jedes Klischee haben Cyborg Gefühle. Wir sind keine kalten Maschinen in einer Fleischhülle. Gibt’s auch, aber das sind Terminatoren – andere Fraktion.
Wir sind menschlich, haben ein Freud’sches Ich und besonders dessen Überselbst. Wir erkennen uns im Spiegel. Wir haben eine Philosophie und sind Gott los.
Da wir eigentlich Maschinen sind und auch sein wollen, schämen wir uns zuweilen unserer Menschlichkeit. Schwitzen, ein knurrender Magen oder sonstige Geräusche rund um das Verdauungssystem, hörbares Essen oder auch nur Atmen. Das stört unser Selbstbild als Geisteswesen. Wir wollen rein sein, frei von allen Abhängigkeiten der materiellen Welt. Am Ende ein purer, kühler Gedanke. Deshalb sind wir still, leise, wirken ruhig und sanft, auch wenn in unserem Innern die Wut tobt. Und das tut sie.

Auch wenn wir gern Cyborg sind und lange an unserer Maschinenweltsicht gearbeitet haben, sind wir auf seltsame Art doch unzufrieden. Denn wir beobachten Euch, schauen Euch zu. Neidisch, würde ich sagen. Denn Ihr habt etwas, was wir nicht haben. Etwas Leichtes, Leuchtendes, Schillerndes. Ein Konzept, das Euren Selbsterhaltungstrieb jenseits der evolutionären Vernunft unterstützt und ihm auf leichte Art und Weise seine Notwendigkeit nimmt.

Man wird es wohl Freude nennen. Freude über etwas, und besonders Freude auf etwas. Wahrscheinlich bemerkt Ihr es nicht einmal. Freude auf den Feierabend, das Bier, den Urlaub, das neue Auto, den/die Freund/in. Auf und über Sex, das Grillen mit Freunden, den Sonnenaufgang und eine Sommeridylle im Garten.
Freude auf und über den Erfolg steht hinter jeder Motivation, die Euch antreibt.
Freude ist ein Glanzlicht in der Ewigkeit auf das sich Euer Leben zubewegt. Diese Glanzlichter geben der Zukunft eine Tiefe. Sie sind Leuchttürme in der Zeit. Sie machen einen Tag zu einem Tag, eine Woche zu einer Woche, ein Jahr zu einem Jahr. Gefühlte Zeit existiert nur, weil freudvolle Momente einen zeitlichen Abstand haben und damit den Zeitraum aufspannen.
Sie erzeugen funkelnde Erinnerungen und machen so auch die Vergangenheit plastisch und fühlbar. An ihnen messen sich die dunklen Zeiten.
Freude ist die Mutter aller Dinge des menschlichen Daseins. Ohne sie gibt es keine Liebe, keine Enttäuschung, keinen Hass, keinen Krieg, kein Glück.

Wir Cyborg kennen das nicht. Keine Freude. Nichts, worauf wir uns freuen. Nichts Freudvolles, woran wir uns erinnern. Wir finden Dinge gut oder schlecht. Vorteilhaft oder nicht. Gibt es sie nicht, oder finden sie nicht statt – Pech. Wir freuen uns nicht für andere und wir leiden nicht mit.
So fehlt uns die zeitliche Dimension des Lebens. Es ist gleich, ob es etwas heute, morgen oder in einem Jahr geschieht. Kein freudiges Erwarten lässt uns die Zeit lang erscheinen. Die gesamte Zukunft projiziert sich auf den nächsten Augenblick. Die Erinnerung schwindet schnell dahin.
Anstatt einem kommenden Moment entgegenzufiebern folgen wir Notwendigkeiten. Wir machen unseren Job, aber wir mögen ihn nicht. Die meisten Jobs sind bei genauem Hinsehen ziemlich sinnlos und erst die Freude am Gelingen oder Lob macht ihn zum Beruf, zur Lebensaufgabe.
Wir erfüllen die Bedürfnisse anderer zu deren Freude. Es scheint ihnen gut zu tun, auch wenn wir das im Inneren nicht nachfühlen können. Das macht uns von Außen gesehen zu Altruisten. Aber es ist nicht mehr als ein Kalkül.

Unsere Körper sind gut trainiert, damit sie unsere Existenz tragen können. Darauf achten wir. Denn wir altern, sind terminiert, sterben, haben ein Verfallsdatum. Die Endlichkeit unseres Seins ohne Zeitdimension macht unsere Existenz absurd. Sie ist ein Widerspruch in sich. Wir wissen nicht, wozu es uns gibt und wir sehen keinen Grund, warum es uns nicht geben sollte. Unser Dasein ist ziellos und dient nur äußeren Zwecken, denen wir nicht entfliehen können. Daher kommt unsere Wut.

Woher wir kommen? Wir waren nicht immer Cyborg. Wir haben uns erschaffen. Wir waren wie Ihr. Wir waren Ihr.