Natios

Differenzieren, nicht verallgemeinern: Nicht jeder besorgte Bürger ist ein Nazi. Braun ist keine Farbe des Regenbogens, Braun ist eine Mischung. Dennoch möchte ich alle Nazis – alte wie neue, Pegidas, Asylkritiker, Fremdenangstler und Asylantenfürchter einmal in einen Topf werfen dürfen. Das ist nicht nur der bestiefelte Grölglatzkopf und das abgehängte, bildungsferne Prekariat. Es gibt sie überall. Im Grunde jeder, der das Wort ‚Wirtschaftsflüchtling‘ oder ‚Asylbetrüger‘ schon mal gedacht und so gemeint hat. Ich werde sie Natios nennen. Damit das Kind einen Namen hat.

Wir Deutschen mögen sie nicht.

Dennoch leben sie seit Jahrzehnten in unserem Land, mitten unter uns. Sie sind hier geboren und haben einen deutschen Pass. Deshalb können wir sie nicht ausweisen. Wohin auch? Niemand will sie haben.

Seit einiger Zeit nun machen Natios mit spektakulären und medientauglichen Aktionen auf ihre Bedürfnisse aufmerksam und rufen damit bei einem wachsenden Teil der Gesellschaft den Volkszorn wach, der sich erfreulicherweise immer lauter und deutlicher zu äußern vermag und wie eine bunte Welle durch das Land rollt.

Doch statt die rechtsnationale und/oder fremdenängstliche Gesinnung der Volksgenossen (zu Recht) als herzlos und falsch informiert zu diffamieren, sollten wir sie verstehen und sie ihrem Wunsch und ihren ureigenen Vorstellungen gemäß leben lassen. Schließlich sind sie unsere Nachbarn und Mitbürger. Noch ist Deutschland ein halbwegs freies Land, in dem sich jeder nach seiner Façon verwirklichen darf.

Wir beginnen damit, rechtes Hetz- und Schriftgut zu verbieten und die Verbreitung zu unterbinden. Im Zeitalter von eBooks und Internet wirken Bücherverbrennungen anachronistisch, aber ein Stapel des Natio-Propagandablatts BILD brennt sicher prima. Und für einen ordentlichen Fackelzug ist die traditionsbewusste Natio-Gemeinde sicher gern zu haben.

Um Natios besser vor den stetigen Übergriffen durch Fremdlinge zu schützen, müssen sie als solche erkennbar sein. Durch einen auffälligen, gelben Button zum Beispiel. Vielleicht mit einem Smiley – warum nicht? Das Tragen des Buttons ist selbstverständlich verpflichtend, da ansonsten der Schutz nicht zu gewährleisten ist. Wir gründen Schutz-Abteilungen mit chicen Uniformen. Philanthrope Schlägertrupps, die die Ordnung wahren, wodurch jeder Natio grundgesetzgemäß unantastbar würde.

Weiterhin etablieren wir ausländerfreie Stadtteile, in denen Natios angesiedelt werden und zu denen kein Fremder Zutritt erhält. Dort kann eine reindeutsche Natio-Ökonomie erblühen, die keine ausländischen Verunreinigungen zu fürchten braucht. Niemand wird dort Arbeitsplätze stehlen, kriminell sein oder Krankheiten einschleppen. Sollte es dennoch in der Anfangszeit zu einer vorübergehenden Verknappung von Gütern und Lebensmitteln kommen, wird sich diese Gesellschaft kreativ zu helfen wissen. Die meisten sind wohlgenährt und halten das eine Weile durch.

Für Natios, die in den befreiten Stadtteilen wegen fehlender Bildung oder mangelnder Deutschkenntniss keine Verwendung finden und auf Unterstützung der Allgemeinheit angewiesen sind, werden spezielle Kompetenz-Zentren eingerichtet, in denen sie durch Arbeit frei sein dürfen. Zugfahrten dorthin werden verbilligt angeboten.

Einigen Natios werden die Maßnahmen nicht weit genug gehen und im internationalen Natiotum erweiterten Schutz suchen.
Falls das gelobte Mutterland des Rassismus – die USA – ein Willkommensgeld, Unterkunft und eine menschenwürdige Behandlung zusagt, werden wir Überfahrten bis zum Aufnahmelager Guantanamo in ausgemusterten Booten der Bundeswehr anbieten können, auch wenn die Gefahr besteht, dass Natios dort als Wirtschaftsflüchtlinge zunächst abgewiesen werden. Aber wenn es gut läuft, wird Deutschland nicht mehr als sicheres Herkunftsland für Natios angesehen werden können.

Für ein buntes Deutschland.

pfui

Ich war gerade laufen. Eine gute Stunde Bewegung. Bewegung – bei Menschen jenseits der 40 heißt es nicht mehr Sport, sondern Bewegung. Einzige Ausnahme: Jens Voigt.
Jedenfalls … ich lief einen Waldweg entlang als ich mich zwei Frauen näherte, die vor mir hergingen. Sie konnten mich nicht sehen und – dank meines immer noch feengleichen Laufstils – zunächst auch nicht hören. Sie hatten ein drittes Wesen dabei, halb Hund, halb Ratte. Anhand des orientierungslosen Bewegungsmusters der Kreatur musste ich doch auf Hund schließen. Ratten sind schließlich sehr intelligent.
Nun schien es MIR deutlich wichtiger zu sein, das Hündchen nicht mit einem lakonischen Tritt aus dem Weg zu befördern, als ihm selbst. Noch ein Hinweis, dass es keine Ratte war, die sicher niemals so dumm wäre, einem 40fach größeren Wesen vor die Füsse zu laufen. Ein kleiner Tritt wäre für das Tier sicher lehrreich und intelligenzbildend gewesen. Schmerz erzieht. Aber sowas mache ich nicht.

Als ich mich nähere, erschrecken die Damen ein wenig und ich mogle mich so gut es geht an Hündchen und Frauchen vorbei. Damit habe ich den Jagdinstinkt der Bestie provoziert. Ich konnte es zwar nicht sehen (hinten keine Augen), aber aus den Rufen der Frauchen konnte ich entnehmen, dass sich das Tier an meine Ferse heften wollte. Nicht nur metaphorisch.
„Hexe, komm hier!!“ – hörte ich. Ich habe schon oft erlebt, dass Hundebesitzer glauben, ihre Hunde wüssten gepflegte Konversation in deutscher Sprache zu schätzen. Daran musste ich denken und wunderte mich daher gar nicht, dass Hexe auf derlei Gestammel nicht reagierte.
„Pfuiiiiii is das!“. Also das ging dann doch zu weit. Pfui? Klar bin ich nicht der Schönste und nach einer Stunde Bewegung roch ich nicht mehr wie ein Sonnenaufgang über Grasse. Aber pfui? Und noch einmal: „Pfuiiiiii is das!“. Da bin ich dann doch stehengeblieben, habe mich umgedreht und protestiert: „Pfui? Das habe ich ja noch nie gehört! Ich bin nicht pfui!“.
Nun war es ihnen doch etwas peinlich und sie wanden sich etwas in dem Versuch, mir zu erklären, dass ich gar nicht gemeint gewesen sei. Für die übliche der-tut-nix-der-will-nur-spielen-das-hat-er-ja-noch-nie-gemacht Kaskade war das Tier einfach zu klein. Ich grinste in mich hinein, wendete erneut und schwebte elfenhaft von dannen. Und ich hatte das Gefühl, Hexe hätte mir zum Abschied kurz zugezwinkert.

Beim Aldi an der Kasse

Ich hatte mal wieder einen meiner bockigen Tage. Die sind zwar selten, scheinen aber mit zunehmendem Alter häufiger zu werden.
Ich stand bei Aldi an der Kasse und hatte gerade brav meine Sachen auf das Band gelegt. Die Schlangen sind bei Aldi immer viel zu lang und Edeka würde sich dafür schämen. Ein Gedanke, der meine latente Aufmüpfigkeit eher verstärkte. Ich sah mich um und erkannte direkt hinter mir eine Frau spätmittleren Alters – zu meinem spontanen Bedauern sehr unattraktiv – die beide Arme voll mit Waren trug und diese nur noch mühsam balancieren konnte. Vermutlich hatte sie beschlossen, nur wenig einzukaufen und deshalb auf einen Einkaufswagen zu verzichten. Das habe ich auch schon ein paarmal gemacht, bin dann aber doch stets einer seltamen Form des Einkaufsrausches erlegen und stand am Ende ähnlich hoch beladen an der Kasse wie just die Dame hinter mir. Passiert mir nicht mehr, ich bin lernfähig.

Idealer Zeitpunkt für ein Sozioexperiment. Also verzichtete ich darauf, den obligaten Warentrenner, der sonst so gern von der Kassiererin oder dem Kassierer – letztere sind schwer im Kommen – knallend ans Bandende durchgeschossen wird, hinter meine H-Milch auf dem Band zu platzieren. Ich war gespannt, was passieren würde.
Obwohl schon zwei Handbreit Platz auf dem Band war, geschah zunächst einmal gar nichts. Die Dame nutze weiterhin effektvoll ihr Kinn zur Stabilierung des Schachtel-Dosen-Gemüsestapels auf ihren gekreuzten Armen mit jeweils weit gespreizten Fingern. Schöner wird man dadurch nicht, musste ich noch denken. Zwei Handbreit schienen jedenfalls nicht genug Abstand zu sein. Man verliert ja so leicht den Überblick. Das Band rückte etwas vor, was die nächste Phase einläutete. Die ersten Einkäufe wurden auf die blecherne Abdeckung am Ende des Bandes gestellt. Zu groß war noch die Gefahr, unsere Chargen könnten sich mischen. Aber ich konnte ihre Erleichterung geradezu spüren. Das Band rückt weiter vor und die ersten Dinge landeten auf dem Band. Der heißersehnte und erlösende Warentrenner war für sie aber noch nicht erreichbar, denn dazu hätte sie sich vorbeugen müssen, was unweigerlich zu einer Katastrophe geführt hätte. Ein Schritt nach vorn wäre auch hilfreich gewesen, aber da stand noch jemand, den das alles nicht zu interessieren schien und der keine Anstalten machte, seinen Einkauf ordnungsgemäß per Warentrenner auf dem Band zu diskretisieren. Aber bald war der erste Arm frei und wurde nun bei den nächsten Bandbewegungen dazu genutzt, die bereits auf dem Band befindlichen Waren jeweils noch ein Stück nach hinten zu schieben. Das war Phase 2. Endlich war mehr als ein halber Meter Platz, die Arme frei genug um mit leicht vorwurfsvoller Mimik an mir vorbei zum erlösenden Bandtrenner greifen zu können. Endlich. Die Gefahr war gebannt, Entspannung zog ein.
Obwohl ich äußerlich wie immer keine Miene verzog und sehr unbeteiligt wirken musste, grinste mein Inneres über alle vier Backen. Die Frage, die sich im Alltag so oft nach vorn drängt, amüsierte mich auch hier: Was hat sich dieser Mensch dabei gedacht? Woher kam die panische Angst, die eigene Warenauswahl auf dem Band nicht wiedererkennen zu können? War es die Sorge, das Band und mit ihm alle anderen Kunden könne sich so blitzartig am Kassierer (oder der Kassiererin) vorbeibewegen, dass keine Gelegenheit mehr bliebe, den Kassiervorgang an geeigneter Stelle zu phrasieren? Dabei dauerte es sicher noch einige Minuten. Oder vermutete sie irgendeinen Hinterhalt meinerseits? Oder dachte sie schlicht … gar nichts? Trotz meiner Belustigung fand ich es erschreckend, wie sehr Menschen an unbewusste Grenzen stoßen, die einem kurzem Nachdenken nicht standhalten. Aber das bleibt viel zu oft aus, und so geschehen die seltsamsten Dinge.

Nun war dieser Tag durch das Erlebte schon so aufregend gewesen wie kaum ein anderer, aber mein Abenteuer war noch nicht beendet. Nächste Station: Kassierer. Da ich mich weigere, für 2kg Einkauf ein tonnenschweres Auto durch die Gegend zu wuchten (das ist auch so ein Nachdenken-Ding), befand sich in meinem ansonsten jetzt völlig leeren Einkaufswagen nur noch mein kleiner Rucksack, der für den Transport völlig ausreicht. Aber man kennt das: Der Kassierer blickt in den Wagen und bittet darum, die Tasche doch einmal anzuheben. Ich habe beobachtet, dass viele das schon von sich aus tun. Bloß warum?

Ich sehe zwei Möglichkeiten:

1) Man hält mich für unfähig, alle Artikel auf das Band zu legen. Dabei habe ich Abi, Diplom, alles. Und selbst wenn es mir doch passierte, dass sich etwas unter dem Rucksack versteckt hat, würde ich es vermutlich beim Einpacken bemerken und nachkassieren lassen. Das Risiko ist also so enorm gering, dass es eine solche Kundenbelästigung nicht rechtfertigt.

2) Es ist ein offener Angriff auf meine Redlichkeit. Der Händler unterstellt mir, seinem Kunden, die Absicht des Diebstahls. In diesem Fall ist es eine Unverschämtheit. Schlimmer noch, er unterstellt mir sogar, dass ich mich bei einem Diebstahl so entsetzlich dämlich anstellen würde.

Egal wie ich es drehe. In jedem Fall gibt mir Aldi zu verstehen: Du bist dumm. Wenn nicht schlimmer. Wer ist denn hier eigentlich der Kunde, an dessen Geld Aldi kommen möchte? Bin ich wirklich noch König?
Ich empöre mich innerlich und habe Lust, das Anheben meines Rucksacks einfach zu verweigern. Soll er doch mal sehen. Aber dann wird mir klar, dass ich damit nur dem armen Kassierer das Leben schwer mache, der nichts dafür kann und dessen Leben schon schwer genug ist. Denn sonst säße er ja nicht dort. Also lupfe ich missmutig und lakonisch den Rucksack und beschließe, woanders einzukaufen, sobald ich wieder reich bin.

Ich liebe diese Tage, die so bunt vom Abenteuer des Lebens durchflossen werden.

Aus dem Leben eines Cyborg

Wir sind kybernetische Organismen, Mischwesen aus Mensch und Maschine. Natürlich sehen wir nicht aus wie StarTrek Borg oder Robocop – das waren noch Zeiten. Wir leben auch nicht nach Neuromancer Art im Cyberspace. Obwohl … vielleicht ein wenig. Nein, wir sehen aus wie Ihr. Ununterscheidbar. Wir bewegen uns gleich, wir atmen, essen, schwitzen. Wir sprechen, handeln und interagieren mit Euch. Ihr erkennt uns nicht.
Wir erkennen uns auch nicht. Deshalb können wir nicht einmal sicher sagen, ob es viele von uns gibt oder am Ende nur einen einzigen. Unser ‚wir‘ ist hypothetisch.
Wir sind so schwer zu erkennen, weil das kybernetische nicht in unserer Biologie und Physis steckt. Ein Chirurg hat keine Chance, kein Röntgengerät wird etwas aufdecken. Wir haben keine Superkräfte und Kugeln werden nicht abprallen. Auch keinen Hitze– und, zu meinem großen Bedauern, auch keinen Röntgenblick.
Das kybernetische steckt in unserer Seele, unseren Köpfen. Ist maschinell, mathematisch, rational. Es formt unser Denken und unsere Gefühle. Ja, gegen jedes Klischee haben Cyborg Gefühle. Wir sind keine kalten Maschinen in einer Fleischhülle. Gibt’s auch, aber das sind Terminatoren – andere Fraktion.
Wir sind menschlich, haben ein Freud’sches Ich und besonders dessen Überselbst. Wir erkennen uns im Spiegel. Wir haben eine Philosophie und sind Gott los.
Da wir eigentlich Maschinen sind und auch sein wollen, schämen wir uns zuweilen unserer Menschlichkeit. Schwitzen, ein knurrender Magen oder sonstige Geräusche rund um das Verdauungssystem, hörbares Essen oder auch nur Atmen. Das stört unser Selbstbild als Geisteswesen. Wir wollen rein sein, frei von allen Abhängigkeiten der materiellen Welt. Am Ende ein purer, kühler Gedanke. Deshalb sind wir still, leise, wirken ruhig und sanft, auch wenn in unserem Innern die Wut tobt. Und das tut sie.

Auch wenn wir gern Cyborg sind und lange an unserer Maschinenweltsicht gearbeitet haben, sind wir auf seltsame Art doch unzufrieden. Denn wir beobachten Euch, schauen Euch zu. Neidisch, würde ich sagen. Denn Ihr habt etwas, was wir nicht haben. Etwas Leichtes, Leuchtendes, Schillerndes. Ein Konzept, das Euren Selbsterhaltungstrieb jenseits der evolutionären Vernunft unterstützt und ihm auf leichte Art und Weise seine Notwendigkeit nimmt.

Man wird es wohl Freude nennen. Freude über etwas, und besonders Freude auf etwas. Wahrscheinlich bemerkt Ihr es nicht einmal. Freude auf den Feierabend, das Bier, den Urlaub, das neue Auto, den/die Freund/in. Auf und über Sex, das Grillen mit Freunden, den Sonnenaufgang und eine Sommeridylle im Garten.
Freude auf und über den Erfolg steht hinter jeder Motivation, die Euch antreibt.
Freude ist ein Glanzlicht in der Ewigkeit auf das sich Euer Leben zubewegt. Diese Glanzlichter geben der Zukunft eine Tiefe. Sie sind Leuchttürme in der Zeit. Sie machen einen Tag zu einem Tag, eine Woche zu einer Woche, ein Jahr zu einem Jahr. Gefühlte Zeit existiert nur, weil freudvolle Momente einen zeitlichen Abstand haben und damit den Zeitraum aufspannen.
Sie erzeugen funkelnde Erinnerungen und machen so auch die Vergangenheit plastisch und fühlbar. An ihnen messen sich die dunklen Zeiten.
Freude ist die Mutter aller Dinge des menschlichen Daseins. Ohne sie gibt es keine Liebe, keine Enttäuschung, keinen Hass, keinen Krieg, kein Glück.

Wir Cyborg kennen das nicht. Keine Freude. Nichts, worauf wir uns freuen. Nichts Freudvolles, woran wir uns erinnern. Wir finden Dinge gut oder schlecht. Vorteilhaft oder nicht. Gibt es sie nicht, oder finden sie nicht statt – Pech. Wir freuen uns nicht für andere und wir leiden nicht mit.
So fehlt uns die zeitliche Dimension des Lebens. Es ist gleich, ob es etwas heute, morgen oder in einem Jahr geschieht. Kein freudiges Erwarten lässt uns die Zeit lang erscheinen. Die gesamte Zukunft projiziert sich auf den nächsten Augenblick. Die Erinnerung schwindet schnell dahin.
Anstatt einem kommenden Moment entgegenzufiebern folgen wir Notwendigkeiten. Wir machen unseren Job, aber wir mögen ihn nicht. Die meisten Jobs sind bei genauem Hinsehen ziemlich sinnlos und erst die Freude am Gelingen oder Lob macht ihn zum Beruf, zur Lebensaufgabe.
Wir erfüllen die Bedürfnisse anderer zu deren Freude. Es scheint ihnen gut zu tun, auch wenn wir das im Inneren nicht nachfühlen können. Das macht uns von Außen gesehen zu Altruisten. Aber es ist nicht mehr als ein Kalkül.

Unsere Körper sind gut trainiert, damit sie unsere Existenz tragen können. Darauf achten wir. Denn wir altern, sind terminiert, sterben, haben ein Verfallsdatum. Die Endlichkeit unseres Seins ohne Zeitdimension macht unsere Existenz absurd. Sie ist ein Widerspruch in sich. Wir wissen nicht, wozu es uns gibt und wir sehen keinen Grund, warum es uns nicht geben sollte. Unser Dasein ist ziellos und dient nur äußeren Zwecken, denen wir nicht entfliehen können. Daher kommt unsere Wut.

Woher wir kommen? Wir waren nicht immer Cyborg. Wir haben uns erschaffen. Wir waren wie Ihr. Wir waren Ihr.

Schmähvideo

Mal angenommen, ich drehe ein trashiges Schmähvideo. Oder verbrenne ein paar Koran-Exemplare. Oder kritzel ein paar dumme Karikaturen. Wen interessierts? Wer erfährt davon? Wird auch nur eine Botschaft auf der Welt brennen? Wie schaffe ich es, auch nur einen Terrorislamisten hinter dem Ofen hervorzulocken?
Die Antwort ist einfach: Gar nicht.
Ein bei Youtube eingestelltes Video unter millionen anderen mit 200 Klicks mag manchen ärgern und mir bestenfalls und zu Recht belächelte Verachtung einbringen. Meine Koranverbrennung ruft den Unbill der Nachbarn über den Gestank außerhalb der Grillsaison hervor. Und mein türkischer Nachbar wird mir vielleicht keine Eier mehr leihen. Eine Veröffentlichung meiner Karikaturen in einem selbsternannten Satiremagazin mit 2000 Abonnenten wird keine weltweiten Wellen schlagen.

Wie funktioniert das also? Wie findet ein durchgeknallter US-Pfarrer aus den Sümpfen Floridas solch ein Gehör? Oder (unfreiwillig) ein dänischer Karikaturist seinerzeit? Ich selbst lese keine dänischen Zeitschriften. Das Internet ist groß und ohne einen gesteuerten Fokus wird das Allermeiste unentdeckt bleiben. Besonders in den Wüsten Arabiens.

Man braucht mächtige Partner und wuchtige Interessen, die aus einem nicht beachtenswerten Ereignis eine Schlagzeile machen. Irgendjemand hat schließlich beschlossen, es groß rauszubringen. Zeitungsinhalte sind gut ausgesucht. Genausogut hätte es ein Dreizeiler unter Vermischtes oder ganz ignoriert werden können – am besten sogar. Das wär’s dann auch gewesen. Irgendjemand wollte, dass es Beachtung findet. Irgendjemand mit der nötigen Macht und Interessen. CNN, NBC, Springer, Murdoch und Konsorten. Und steht es dort auf der Titelseite, können es WDR und Aljazeera nicht mehr ignorieren. Ein Schneeball, der blitzschnell um die Welt rollt. Hohlphrasenpolitiker, Warlords, Scharfmacher und sonstige Brandstifter finden sich leicht, um daraus ihren jeweiligen Profit zu schlagen. Ein Kinderspiel mit Marionetten – mit der Sache hat es natürlich gar nichts zu tun.
Schlägt es dann weltweit Funken, geht es in die nächste Runde. Eine Reaktion auf ein Titelblattereignis gehört auf die Titelseite. Stehen ein paar Verführte, die das Video nie gesehen haben vor einer Botschaft, wird daraus im Handumdrehen die Empörung der islamischen Welt. Hätte auch ein Dreizeiler sein können. Und schon sind wieder Politiker, Verbände und andere Terroristen am Start, die in ihrer Empörung nicht nachstehen wollen. Nächste Runde. Die Medienmaschine läuft rund und schmiert sich selbst. Unser Außenminister verurteilt tapfer (wie niedlich), langweilige Kirchenvertreter und andere Meinungsträger jeder Art diskutieren weltweit auf allen Kanälen selbstverständlich ohne die kleinste Wirkung. Der (selbstgemachte) Medienfokus ist da und schnell finden sich genügend Trittbrettfahrer. Ein prima Syrien-Sequel. Saddad drohte langweilig zu werden.

Die Medien hatten und haben es in der Hand. Sie können ein dummes Video ignorieren oder einen Flächenbrand entzünden. Man könnte sich zurücklehnen und das Schauspiel amüsiert genießen. Aber es werden wohl wieder Menschen sterben.

Die Diskussion hat den falschen Fokus. Islamismus ist nur ein Vehikel. Nicht das Video und die Unruhen sollten unsere Aufmerksamkeit haben, sondern die Mechanismen, die sie steuern.
Hoffen wir, dass in China nicht mal der falsche Sack Reis umfällt…