Wenn der Hahn kräht

Ich habe die Geschichte der brasilianischen Autorin Claudia Lage auf WDR5 in deutscher Übersetzung gehört und fand sie so schön, dass ich sie nach- und neuerzählen möchte.

Er schlug die Augen auf und es war, wie es immer war. „Ich bin schon zu lange hier“ dachte er, als er seinen Blick von der Decke zum Fenster wandte und sah, dass gerade die Dämmerung dem hellen Spätsommertag weichen wollte. Etwas mühsam schlug er die warme Bettdecke zur Seite und setze sich leise seufzend auf. Er fühlte sich gut. Und er wollte sich auch gut fühlen: „Heute ist ein guter Tag. Ein besserer wird sich kaum finden.“
Er richtete sich auf, suchte und fand seine alten und vertrauten Hausschuhe und schlurfte langsam und mit kleinen, flachen Schritten in die Küche. „Guten Morgen“ grüßte er noch etwas matt den Mann, der mit dem Aufbrühen des Kaffees befasst war, dessen Duft er schon in seinem Zimmer wahrgenommen hatte und der nun den ganzen Raum in seine eigene, wohlige Atmosphäre tauchte. Der Mann drehte nur leicht den Kopf und nickte kaum merklich, sagte aber nichts.
In der Kommode fand er Papier und einen Bleistift, setzte sich an den Tisch und schrieb einige Namen auf das Blatt. „Diese möchte ich heute Nachmittag hier sehen.“ sagte er laut und bestimmt und zeriss damit die frühmorgendliche Stille. Der Mann drehte sich langsam um, kam zum Tisch herüber und sah auf das Papier. „Das geht nicht.“ sagte er, „Walter ist vor drei Jahren gestorben und Gertrud letztes Jahr. Wir waren auf dem Friedhof, erinnerst du dich?“ Tatsächlich erinnerte er sich jetzt. Und auch daran, dass ihm in der letzten Zeit manches entfallen war. „Aber die anderen sollen kommen.“ fügte er bestimmt hinzu, ohne sich mit übertriebener Höflichkeit aufzuhalten. Sie kannten sich ein Leben lang und brauchten kein „Bitte“ mehr, um einander Zuneigung und Respekt auszudrücken. Der Mann nickte wieder kurz, steckte das Blatt in seine Hosentasche und wandte sich wieder dem Kaffee zu.
„Sonst will ich niemanden sehen, auch keinen Pfaffen.“ Der Mann drehte sich erneut um und hob eine Augenbraue: „Warum das? Du warst immer ein Katholik und Christ.“ „Jesus ist tot und Gott ist ein Lügner.“ sagte er trotzig, „Nur die Namen auf der Liste!“
„Und ich möchte gut essen und danach mache ich den Garten.“ Der Mann protestierte, das mit dem Essen gehe in Ordnung, aber das mit dem Garten sei zuviel, das könne er nicht mehr, in seinem Alter. Er wischte den Einwand mit einer gebieterischen Handbewegung weg: „Ich mache den Garten. Das letzte Mal ist schon so lange her. Ich möchte im Garten arbeiten. Das Laub liegt schon überall.“
Der Mann machte sich mit der Namensliste auf den Weg. Er würde telefonieren und einige Besorgungen für die Mahlzeiten des Tages machen. Gemüse, etwas Reis, kein Fleisch. Und Rotwein.
Sie bereiteten das Mittagessen gemeinsam. Sie sprachen das Nötigste, denn sie hatten sich in der langen Zeit bereits alles gesagt, was sie zu sagen hatten. Der Mann war sein Bruder und sie lebten zusammen, seit sie beide allein gelassen worden waren. Sie genossen die Mahlzeit mit reichlich Rotwein in der Küche, die von der Mittagssonne in ein warmes, freundliches Licht getaucht wurde. Es ging ihm gut. Und er wollte, dass es ihm gut geht. Unter den besorgten Blicken seines Bruders legte er seine alte Gartenschürze an und ging hinaus in die Sommerwärme. Er würde im Garten arbeiten, wie er es lange getan und geliebt hatte. Viel würde er nicht schaffen denn die Bewegungen waren mühsam, aber das spielte keine Rolle.

Am Nachmittag trafen die bestellten Gäste ein.

Dagmar kam als Erste und er bat sie, sich auch den Stuhl ihm gegenüber zu setzen. „Hast du mich geliebt?“ fragte er sie. Sie hob vorsichtig den Kopf und blickte ihn überrascht an. „Ja“ sagte sie, „viele Jahre nach dem Krieg, hast du es gewusst?“. „Ich wusste es, und ich habe dich auch geliebt, aber ich habe es dir nie gesagt.“ Dagmar sah traurig aus: „Nunja, das ist lange her. Aber ich freue mich, es heute zu erfahren.“ Sie drückte seine Hand, stand leise auf und ging.

Inzwischen war Margarete eingetroffen und er bat auch sie auf den Stuhl ihm gegenüber. „Hast du mich je betrogen?“ fragte er sie. Sie blickte zu Boden und schwieg, rieb ihre Hände. Schließlich sah sie auf und sagte leise: „Ja, ich habe dich betrogen und es tut mir leid. Aber ich musste es tun, mein Herz hat danach geschrien.“ Er machte eine beschwichtigende Geste und sah sie weich an: „Ich habe es gewusst, und es ist gut. Du bist deinem Herzen gefolgt.“ Sie blickte ihn still an, stand dann auf, wandte sich rasch um und ging.

Peter kam herein, stellte sich hinter den Stuhl und stütze seine Hände auf die Lehne. „Was ist alter Mann? Was willst du?“. „Ich verzeihe dir.“ antwortete er fest, wobei er Peter in die Augen sah. Der hielt seinem Blick stand, nickte einmal kurz, nickte ein zweites Mal langsam, drehte sich um und ging.

Nachdem alle gegangen waren herrschte eine Weile Stille. An die Kommode gelehnt, hob sein Bruder an, den Blick gesenkt: „Ich war es, mit dem Margarete dich betrogen hat. Ich war es.“ „Du? Du warst es? Ich wusste, dass ich sie verloren hatte, aber ich wusste nie, an wen. An dich also.“ Er wurde traurig, fasste sich aber bald wieder. „Es ist zu lange her. Es ist gut.“

Sie bereiteten ein einfaches Abendessen wie sie es immer taten und redeten viel über alte Zeiten. Schöne Erinnerungen und ausreichend Rotwein, er war sehr zufrieden mit sich und dem Tag. Schließlich sagte er: „Ich weiß nicht, wo ich morgen sein werde, aber du wirst wieder hier sein.“

Er erhob sich, ging in sein Zimmer und holte seinen besten Anzug aus dem Schrank, den er so lange nicht getragen hatte. Er zog ihn an und betrachtete sich im Spiegel. Der Anzug schien ihm etwas zu groß geworden zu sein. Ein Lächeln umspielte seinen Mund.
Dann legte er sich auf sein Bett und blickte an die Decke, wie er es am Morgen getan hatte. Sein Bruder kam ins Zimmer: „Willst du schon schlafen?“. „Nein“ antwortete er. Dann war es still.

Sein Bruder ging leise aus dem Zimmer zurück in die Küche. „Das ist ungerecht.“ dachte er, „Ich bin der Ältere.“

Fachhandel

Das Gute am Fachhandel ist die fundierte, persönliche Beratung. Ganz besonders im Unterschied zur anonymen Internetbestellung. Dafür kann man ruhig mal ein paar € mehr ausgeben. Außerdem gibt es Produkte, die – obwohl sie nur ein paar Gramm wiegen – eine logistische Herausforderung darstellen, weil sie sich so schrecklich blöd verpacken lassen. Fahrradreifen zum Beispiel. Und der Laden um die Ecke ist manchmal doch noch schneller als die Wunder wirkenden Logistiker.
Ich also rein ins Fahrradfachgeschäft. Nachdem ich mich eine Weile durch das Angebot gefühlt hatte, tauchte das Fachpersonal auf und erkundigte sich nach meinem Wunsch: „Ich brauche einen Reifen fürs Trekkingrad. 700x35c. Und einen Schlauch mit Sclaverandventil. Haben Sie welche mit Pannenschutz?“
Ein wenig kenne ich mich ja aus und der Verkäufer sollte gewarnt sein. Decken – wie wir Halbfachleute Fahrradreifen auch nennen – mit Pannenschutz. Das ist so ein Ding, bei dem ich froh bin in diesem Jahrhundert zu leben. Decken mit Pannenschutz und Betäubung beim Zahnarzt. Das sind die wirklich großen Errungenschaften unserer Zeit. War das früher schlimm … junge junge.
Jedenfalls sagte sie: „Mit Pannenschutz haben wir nur den hier“ und zeigt auf ein Exemplar, das mir optisch nicht zusagte. Das Auge fährt schließlich mit. „Frauen und Fahrradreifen…“ denke ich noch, bevor meine Aufmerksamkeit in den Verkaufsraum zurückkehrte und die Fachverkäuferin mein eben visualisiertes Frauen/Reifen-Bild ruinierte. „Was ist denn mit diesem hier?“ fragte ich zurück, während meine Finger einen wirklich ästhetischen Reifen durchfuhren. Führt man Zeigefinger und Daumen über der Lauffläche zusammen, kann man eine Dicke erahnen, wie sie durch das Pannenschutzfutter erzeugt wird. „Ja, der hat auch Pannenschutz.“ Das „aber sagten Sie nicht gerade…“ verkniff ich mir gnädig.
„Was kostet der?“ Sie nahm das Stück von der Stange und las mir das Preisschild vor. Erträglich. „Wie weit kann ich den aufpumpen?“ fragte ich weiter, während ich selbst die entsprechende Angabe auf dem Reifen suchte. Wozu bin ich im Fachhandel? „Normalerweise bis 6 Bar, aber ich fahre den selbst, da können Sie locker 8 draufmachen.“ Das jedenfalls wäre die Antwort gewesen, die ich mir von einem Fachverkäufer erwartet hätte, der schonmal einen Fahrradreifen aufgepumpt hat oder wenigstens mal radgefahren ist. Die „fahre ich selbst“-Lüge sei jedem Verkäufer verziehen. Sie aber sagte: „4 Bar, so sind die mit Pannenschutz alle.“
„Warum steht hier 6?“ fragte ich noch, weil ich inzwischen die Aufschrift gefunden hatte und mit der Angabe zufrieden war. „Ja, oder 6.“

Von der mit großem Gleichmut vorgetragenen und dann doch gnadenlos enthüllten Inkompetenz so überhaupt nicht beunruhigt zu sein ist ein echtes Talent, das sich mancher Fachverkäufer mit Politikern teilt. Der Unterschied besteht in dem lakonischen Desinteresse bei den einen und dem zusammengelogenen Stolz auf Missratenes bei den anderen. Das lässt mich mit dem Fachverkäufer versöhnen. Ich habe diesen wirklich schönen Reifen gekauft, denn verpacken lässt er sich immer noch schlecht. Ich nenne ihn Susanne und er fährt mit 6 Wonderbar richtig gut!

unfreiwillig aufgewacht

unfreiwillig aufgewacht
aus der langen dunklen Nacht
dem sonnenhellen Königreich
dem ruhigen Erbarmen gleich
nun hinaus in diese Welt
in der alles schwerer fällt

die Sonne lacht gleich in mein Zimmer
und macht mir die Erkenntnis schlimmer
dass nichts wartet hier und jetzt
niemand der sich zu mir setzt
und mir einen Anlass bietet
überhaupt zu atmen

so bleibe ich im Bett erst liegen
warum aufstehen? nichts zu siegen
keinen Grund mich zu erheben
mich in diese Welt bewegen
in der nichts wartet
außer Mühsal

Sehnsucht wohnt im wachen Herzen
nach dem Guten, nach den Schmerzen
die sich bei Licht nicht finden lassen
und all suchend diesen Tag verpassen

es geht auch dieser Tag zu Ende
ohne dass ein Sinn sich fände
vom Lebenskalender abgerissen
nichts passiert und weggeschmissen
er wartet ruhlos auf sein Sterben
soll doch endlich Nacht es werden

wartend klage ich und schlafe ein
ton- und zeitlos wird mein Sein
nur der Morgentraum bringt mich in Not
denn Aufwachen droht!

pfui

Ich war gerade laufen. Eine gute Stunde Bewegung. Bewegung – bei Menschen jenseits der 40 heißt es nicht mehr Sport, sondern Bewegung. Einzige Ausnahme: Jens Voigt.
Jedenfalls … ich lief einen Waldweg entlang als ich mich zwei Frauen näherte, die vor mir hergingen. Sie konnten mich nicht sehen und – dank meines immer noch feengleichen Laufstils – zunächst auch nicht hören. Sie hatten ein drittes Wesen dabei, halb Hund, halb Ratte. Anhand des orientierungslosen Bewegungsmusters der Kreatur musste ich doch auf Hund schließen. Ratten sind schließlich sehr intelligent.
Nun schien es MIR deutlich wichtiger zu sein, das Hündchen nicht mit einem lakonischen Tritt aus dem Weg zu befördern, als ihm selbst. Noch ein Hinweis, dass es keine Ratte war, die sicher niemals so dumm wäre, einem 40fach größeren Wesen vor die Füsse zu laufen. Ein kleiner Tritt wäre für das Tier sicher lehrreich und intelligenzbildend gewesen. Schmerz erzieht. Aber sowas mache ich nicht.

Als ich mich nähere, erschrecken die Damen ein wenig und ich mogle mich so gut es geht an Hündchen und Frauchen vorbei. Damit habe ich den Jagdinstinkt der Bestie provoziert. Ich konnte es zwar nicht sehen (hinten keine Augen), aber aus den Rufen der Frauchen konnte ich entnehmen, dass sich das Tier an meine Ferse heften wollte. Nicht nur metaphorisch.
„Hexe, komm hier!!“ – hörte ich. Ich habe schon oft erlebt, dass Hundebesitzer glauben, ihre Hunde wüssten gepflegte Konversation in deutscher Sprache zu schätzen. Daran musste ich denken und wunderte mich daher gar nicht, dass Hexe auf derlei Gestammel nicht reagierte.
„Pfuiiiiii is das!“. Also das ging dann doch zu weit. Pfui? Klar bin ich nicht der Schönste und nach einer Stunde Bewegung roch ich nicht mehr wie ein Sonnenaufgang über Grasse. Aber pfui? Und noch einmal: „Pfuiiiiii is das!“. Da bin ich dann doch stehengeblieben, habe mich umgedreht und protestiert: „Pfui? Das habe ich ja noch nie gehört! Ich bin nicht pfui!“.
Nun war es ihnen doch etwas peinlich und sie wanden sich etwas in dem Versuch, mir zu erklären, dass ich gar nicht gemeint gewesen sei. Für die übliche der-tut-nix-der-will-nur-spielen-das-hat-er-ja-noch-nie-gemacht Kaskade war das Tier einfach zu klein. Ich grinste in mich hinein, wendete erneut und schwebte elfenhaft von dannen. Und ich hatte das Gefühl, Hexe hätte mir zum Abschied kurz zugezwinkert.