Gewaltpädagogik

Ein IT-Heini alter Schule macht eine IT-AG – an ’ner Schule, Alter!
Es fällt schnell auf, dass es seine Vorzüge haben kann, ein vollausgebildeter Nichtpädagoge zu sein. Mir steht meine Lehrerfahrung jedenfalls nicht im Wege. Vollpfosten.
Schon beim ersten Kontakt mit der Brut weise ich darauf hin, dass ich überhaupt kein Lehrer bin. Nicht einmal entfernt und nicht im Geringsten. Das war mein erster Satz, nachdem ich meinen Namen an die Tafel geschrieben hatte:

„Ich heiße Plewe, mein Vorname ist Herr, das ist die Abkürzung von Herrscher.“

Sie schmunzeln. Das bedeutet – so führe ich ebenfalls schmunzelnd aus – dass mir niemand beigebracht hat dass Gewalt kein Mittel der Pädagogik ist. Oder unerwünscht. Oder gar nicht erlaubt. Da ich schnell mal das doppelte der Würmchen wiege und sich das Gewicht auch sichtbar nicht in der Hüftgegend tummelt, wirkt diese einfache Feststellung schon vor dem ersten Aufruhr der Pubertanten als gutes Mittel der Verhaltensnivellierung. Die Kunst dabei ist, nicht wirklich bedrohlich zu wirken. Nur etwas Unsicherheit streuen. Ob dieser Typ es nicht vielleicht doch so meint? Kann ja eigentlich nicht – oder? Der ist ja kein Lehrer, der könnte anders sein. Das reicht schon. Sie erleben mich fortan als leise, ruhig, gelassen und freundlich. Disziplinprobleme gibt es jedenfalls nicht. Wir sind Kumpel. Das kann ich mir jetzt leisten.

2. Schultag

Informatik AG, 2. Tag
(1. Schultag)

Der zweite Tag und schon hatte mich die Bande am Abgrund. Eigentlich hatte ich mich selbst an den Abgrund gestellt. Es gab technische Probleme mit der Computerinstallation der Schule. Der verdammte Virenscanner konnte sich partout nicht mit der Software anfreunden, die ich für das Vorhaben der Stunde dringend brauchte. Panik!

Dieses Mal sind weitere Schüler gekommen. Das freut mich natürlich, da ich heimlich befürchtet hatte, dass ich nach dem Erlebnis der ersten Stunde ganz allein dort stehen würde. Höchststrafe! Das jähe Ende einer Pädagogenkarriere.
Aber nun waren sie ja alle da! Die Freude darüber wurde von der Panik abgelöst, wie ich sie unterhalten sollte, wenn ich das mit der Software nicht in den Griff bekomme. Eine Doppelstunde komplett aus dem Ärmel schütteln? Nicht so leicht für einen Anfänger.
Zum Glück geht es dann doch – ich bin schließlich IT-Profi. Während meiner Versuche haben sich die Schüler bereits an die Maschinen gesetzt und daddeln lustig drauf los. Ich beobachte aus dem Augenwinkel, was sie so treiben. Harmlose Spiele, keine Pornos. Eine Sorge weniger. Und ich weiß jetzt, wie ich sie im Falle meines Blackouts unterhalten kann: Ich muss einfach nur gar nichts tun und mich still verhalten. Lehrer sein kann so einfach sein!
Gleichzeitig erkenne ich mein nächstes Problem. Die Jungs – kein Mädchen dabei – sind verdammt fix und versiert im Alltagsumgang mit den Kisten – besonders was Browserspiele angeht. Das gilt es unter Kontrolle zu bringen!

So – Software bereit, es kann losgehen. Ich muss sie erst einmal von den Spielen losreißen und auf mich fokussieren. Ich lasse ein wenig die letzte Stunde rekapitulieren, damit die Neuen mitkriegen was läuft. Dabei merke ich, dass ich selbst zuviel rede. Und die Neuen raffen nix. Wie auch, das war abstrakt, eine Entwicklung, schwierig genug für die, die dabei waren.

Egal, heute sollte es etwas praktischer werden. Irgendwas eintippen und die Maschine reagiert. Das sollte doch wohl Spaß machen. Sich dabei langsam an Bits&Bytes heranschleichen und sehen, wie so ein Ding funktioniert.
Aber die Jungs sind nicht zu bremsen. Anstatt meiner weisen Einführung zu folgen, tippen sie einfach mal drauf los, irgendwas, das ihnen grade durch den Kopf geht. Was ein Computer ihrer Meinung nach verstehen müsste. Einfach so. Die sind ja so schön unbefangen und teilen mir ihre Erfahrung auch ungefiltert mit. „Hier steht jetzt Error, was soll ich machen?“. Warten, und das tun, was ich Vorschlage. Der Drucker fängt an zu drucken. Warum auch immer. Haufenweise leere Seiten. Ich selbst habe keine Ahnung, wie man das macht, aber irgendwer hat es wohl rausbekommen. Rechts daddelt schon wieder einer.
Es ist schwer, diesen Hühnerhaufen … äh … Hähnchenhaufen auf Linie zu bringen. Was ich erzähle, ist einfach zu uninteressant, zu langsam, zu unspektakulär. Aber nunmal die Grundlage, ohne die geht es nicht weiter. Da fehlt noch das Konzept.

Ich merke den Unterschied zwischen neun und dreizehn Schülern deutlich. Vielleicht ist zehn so eine magische Grenze. Ein Schüler pro Finger.
Nicht so einfach, die Unterschiede auszugleichen. Irgendwer wird immer dem Daddeln anheim fallen. Mal schauen. Ich habe schon einen Plan, wie ich sie drankriege!

Ich muss noch viel lernen. Aber die auch!

Tanz

Mit Kunst habe ich nicht viel am Hut. Bisher jedenfalls. Hatte ich nie. In letzter Zeit gucke aber schon mal – ein wenig über den Tellerrand. Mitunter bis zum Horizont.
Dieses Mal – als mir ein bedrohlich einsamer Abend bevorstand – habe ich mir modernen Ausdruckstanz vorgenommen. Kennt man ja so nicht. Wenn das überhaupt der richtige Begriff für das ist, was ich zu hören und sehen bekam.

Carré 18
Kaiser Antonino Dance Ensemble

Ein dunkler Raum. Ein aus weißer Folie bestehendes Quadrat, die 40 Zuschauer auf Stühlen an den Seiten. In der Mitte ein 2×2 Meter großes Podest aus gestapelten Büchern. Die Tänzer – vier kleine, schlanke Männer in Schlabberhosen und Socken – fingen mit etwas an, das sich mir nur schwerlich als Tanz offenbarte. Skurril zuckende Körper, so ganz anders als ich das aus Flashdance kenne. Auch dachte ich immer, Tanz und Musik gehörten irgendwie zusammen. Wie spießig. Es gab Geräusche, die entfernt ‚Sur le pont d’Avignon‘ vermuten ließen.

Aber wieso? Was will mir der Künstler sagen? Ist das eine Geschichte? Gibt es eine Botschaft? Ist das ästhetisch? Warum ist es so und nicht anders? Was soll das?

Mein Stino-Gehirn war schnell überfordert und tat das, was es in solchen Situationen immer gern tut: Es schlief ein.

Aber nur kurz. Wieder aufgewacht begann ich zu verstehen. Oder besser: Ich hörte auf zu verstehen. Verstehen zu wollen. Ich ließ das Dargebotene ungefiltert durch. Wenn man so will, guckte und lauschte ich jetzt mit dem Stammhirn, dem Bauchhirn und dem Rückenmark. Meinen Frontallappen nutze ich nur noch um die Kraft und Beweglichkeit der Tänzer zu erkennen, die Präzision und den Einsatz bei der Darbietung zu bewundern und mich zu fragen, wie man sich das alles merken kann. Nichts war zufällig. Exaktes Timing und Zusammenspiel. Toll.
Der Rest ging durch an die Seele. Ohne das Stellen der Sinnfrage wurde es zum Genuß. Die Abläufe fanden Form, Balance und Rhythmus, teilweise Witz. Ich brauchte keine Antwort mehr auf Fragen, die ich nicht gestellt hatte.
Letztlich wurde der Raum von der Tänzern mit Fäden durchzogen, vor und zurück, die Zuschauer hielten die Wendepunkte in der Hand. Das war dann ein wirklich schönes Bild und ein gelungener Abschluß.

Ich würde es mir wieder ansehen.

1. Schultag

Heute war es soweit. Mein erster Schultag. Eigentlich mein zweiter erster Schultag seit meiner Einschulung vor … ich mag es kaum aussprechen … über 40 Jahren. Ich war sicher nicht weniger aufgeregt als damals. Nur dass ich heute auf der anderen Seite stand. Als IT-Fuzzy mit Sendungsbedürfnis habe ich mir vorgenommen, einem hiesigen Gymnasium zu einer Informatik AG zu verhelfen. Zwar kann man in meiner Branche sein Wissen auch an andere IT-Typen loswerden, aber ich war schon scharf auf das besondere Publikum: Ich mag Kinder und Jugendliche einfach.
Sicher war ich exzellent vorbereitet – bloß auf was? Die AG war offen ausgeschrieben, wer kommt der kommt. Oh man … wie lag ich falsch! Bereits nach fünf Minuten war mein Plan zum Teufel. Was ich zu sagen hatte schien uninteressant und ich hatte Momente der Verzweiflung, wusste nicht, wie ich weiterkommen soll. Ich hatte meinen Gegner unterschätzt, die Rechnung ohne den Wirt gemacht.
Der entscheidende Unterschied zum üblichen IT-Publikum hat mich dann auch wieder gerettet: Neugier und Unbefangenheit. Die haben nicht darauf gewartet, was ich ihnen zu bieten hatte und beibringen wollte. Und so gar keine Ehrfurcht vor meinem ausgefeilten, pädagogischen Konzept. Jeder wusste irgendwas und teilte das auch mit. Und schnell waren die ersten Fragen da. Ich habe diesen Faden dankbar aufgenommen und weitergesponnen. Meinen Plan habe ich beiseite geschoben – eh wertlos.
Von da ab lief es. Ich habe geantwortet, kanalisiert, einsortiert, abstrahiert, erklärt. Nachgefragt und gefordert. Das Thema war mathematisch und abstrakt. Es verband Informatik, Physik und Technik. Da hätte ich sicher kein Interesse vermutet. Die Computer sind ausgeblieben. Auf magische Weise ist ein Schuh draus geworden.
Ich hoffe, die Kids haben etwas gelernt und – viel wichtiger – kommen wieder. Ich bin jedenfalls wieder ein Stück klüger. Und erschöpft. Es war gut.