rauchen

Aus der Reihe: Der denkende Mensch.

Rauchen ist dumm. Das weiß jeder.

Schlichte Gemüter tun es einfach. Weil die Werbung es vorschreibt. Und das schlichte Umfeld tut es ja auch. Der einfache Geist fragt nicht nach dem Warum. Bestenfalls „Warum nicht?“. Und da fällt ihm nichts ein. Gehen wir eine rauchen?
Der reflektierende Mensch gesteht es sich als Laster zu, nimmt es als kleinen Fehler an sich in Kauf. Auch er kann ja nicht anders, Nikotin ist nunmal ein Suchtmittel. Auch für Denker.

So wird es der Raucher selbst sehen. Seine Sache. Aber was ist mit einer anderen Perspektive? Die eines Partners zum Beispiel?

Wer möchte denn nicht…

… die gelben Finger und Zähne sehen
… den Geruch eines Aschenbechers küssen
… die fahle, gräuliche Haut streicheln
… das Geld lieber für etwas Schönes ausgeben
… oder gegen den Hunger in der Welt spenden
… wahre Freiheit, solange ein Zigarettenautomat in der Nähe ist
… immer eine Hand mit Schachtel und Feuerzeug belegt wissen
… morgens das schöne Husten verklebter Bronchien hören vor der ersten Zigarette
… auf jedem Treppenabsatz eine Pause machen dürfen
… einen Fetten oder Dürren – Sport ist doch eh nicht gesund, wegen der Gelenke
… den schönen Anblick bläulicher Beine würdigen, solange sie noch dran sind
… den erfrischenden Moment eines Herzinfarktes geniessen
… diese herrlich röchelnde Stimme
… die noch erotischer wird, wenn der Kehlkopf erst einmal raus ist
… durch den Lungenkrebs romantisch in den Tod begleiten
… im Alter möglichst bald allein sein
… dass es Philip Morris und Reemtsma wirklich gut geht?

Der leicht manipulierbare Mensch – und davon gibt es ja genug – bildet das Fundament des globalen Terrors. Die Tabakindustrie braucht die vielen, kleinen Einkommen zum Schmieren ihrer Todesmaschinerie. Eine gigantische Infrastruktur der Vernichtung menschlicher Gesundheit und Würde will finanziert sein. Ein Geschäft mit der Dummheit. Welch Edelmut und große Idee.
Vater Staat holt sich seine Sozialhilfe wieder zurück und freut sich über entlastete Rentenkassen durch sozialverträgliches Frühableben. Der Rest von uns finanziert das Spektakel über die Krankenkassenbeiträge mit.

Ach, was reg‘ ich mich eigentlich auf…
Den Kindern ein Vorbild!

Blau ist oben!

Rollen
Es rumpelt und rappelt, der Boden klebt an mir.

Abheben
Alles wird leicht, Blick und Atem werden freier.

Steigen
Ungedulgiges Warten, die Maschine müht sich.
Gurte straffen!

Schweben
Die Höhe erreicht, schneller und schneller werden.

Looping
Fest und sicher drückt es in den Sitz.
Der Horizont verschwindet und macht purem Blau Platz.
Bevor er wieder erscheint, die Welt steht Kopf.
Fast schwerelos. Alles ist leicht.
Wieder verschwindet er, Blick auf den Boden.
Senkrechter Sturz.
Ich bin wieder da wo ich war.

Rolle
Ich sitze ruhig.
Alles dreht sich um mich.

Turn
Pilot und Zelle ächzen kurz unter der Last.
Senkrechtes Steigen, schwerelos.
Warten auf Stillstand, habe viel zu tun:
Fahrtmesser, Motor, Seitenruder, Querruder.
Senkrechter Sturz, schwerelos, schnell.
Erneutes Ächzen. Kurz.

Anflug
Es ist vollbracht.
Die Spannung fällt ab.
Gurte und Stimmung gelöst.

Ausschweben
Das Flugzeug beherrschen.
Jede Sekunde des Flugs.
Bis es das Fliegen verweigert.

Abstellen
Es rumpelt und rappelt, der Boden klebt an mir.
Die Erde hat mich wieder.
Doch was will ich hier?

Flieger, grüß mir die Sonne!
Piloten ist nichts verboten.

Wie im Film…

Manchmal passieren Dinge, die man nur in frechen Hollywoodkomödien erwarten würde.
Ich schlendere gemütlich über das große Baseler Volksfest. Vor mir sehe ich ein kleines Mädchen, kaum drei Jahre alt. Sie bummelt ihrerseits ohne darauf zu achten, wohin sie geht. So kommt sie auf mich zu. Ich bleibe stehen und warte ab. Tatsächlich stößt sie gegen mich. Irritiert blickt sie zu mir auf. Lächelt mich an. DAS können dreijährige Mädchen nun wirklich. Ich lächle zurück, so gut ich kann.
Aber ihr Ausdruck verändert sich und zu spät erkenne ich den Schalk in ihrem Nacken. Sie grinst höllisch, holt aus und tritt mir keck gegen’s Schienenbein! Das kleine Biest!

Ich ließ sie am Leben…

Mitläufer

Ist euch auf einem Bahnhofgleis jemals aufgefallen, was bei einem einfahrenden Zug seltsames vorgeht? Je voller das Gleis, umso mehr?
Menschen stehen und warten auf den Zug. Der Zug ist nicht zu sehen, nichts geschieht. Kaum jemand bewegt sich, Neuankömmlinge suchen sich ihren Platz. Viele blicken in die Richtung, aus der sie den Zug erwarten. Als ob das frühe Erblicken des Zuges die Abfahrt beschleunigt. Ich selbst gehe meistens auf und ab und beobachte. Stehen auf der Stelle scheint meine Wartezeit zu verlängern.
Irgendwann sieht man den Zug kommen. Er erreicht das Gleis noch mit hoher Geschwindigkeit und beginnt zu bremsen. Die Lok und die ersten Wagons fahren an den Leuten vorbei, die ihnen mit den Augen folgen. Man sieht Augen einen Punkt am Zug fixieren und ihn verfolgen, bis er vorübergezogen ist. Dann suchen sie sich einen neuen, so dass die Köpfe hin- und herschwenken.
Das Seltsame geschieht erst, wenn der Zug sehr langsam wird. Unterhalb eines gewissen Tempos setzen sich plötzlich die ersten Menschen in Fahrtrichtung in Bewegung. Scheinbar haben sie eine Tür fixiert und sind fortan darauf festgelegt, diese zu erreichen, ganz gleich, wie weit der Zug noch fahren wird. Erst bewegen sich nur wenige, schnell immer mehr, am Ende die meisten. Sie laufen dem Zug hinterher, obwohl er noch viele Meter langsam weiterfährt. Wie weit genau lässt sich auch für erfahrene Bahnfahrer kaum abschätzen.
Ich bleibe stehen und bestaune amüsiert das Schauspiel. Ich warte, bis der Zug steht und suche mir dann die mir am nächsten liegende Tür zum Einstieg. Das scheint mir die einfachste Taktik und naheliegend zu sein.
Offensichtlich ist es keine Taktik oder ein Denkprozess, der die meisten Menschen in Bewegung setzt. Es ist sinnlos. Niemand beschließt bewusst, einer angepeilten Tür nachzulaufen. Es muss also ein instinktiver, urmenschlicher Mechanismus sein. Aber welcher? Woher stammt er und wie wirkt er? Es gibt viele davon im Alltag, wenn man darauf achtet. Ich möchte sie in der Folge beobachten und beschreiben.

Der Mensch – ein denkendes Wesen? Nicht immer!